Rosa Bonheur – Eine ungewöhnliche Künstlerin im 19. Jahrhundert

Rosa Bonheur, eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts, führte ein außergewöhnliches Leben, das von künstlerischer Innovation, gesellschaftlicher Unabhängigkeit und einer tiefen Verbundenheit zur Natur geprägt war. Geboren 1822 in Bordeaux, wuchs sie in einer künstlerisch ambitionierten Familie auf und entwickelte früh eine Leidenschaft für die Malerei, insbesondere für die Darstellung von Tieren. Trotz vieler Hindernisse, darunter der frühe Verlust ihrer Mutter und die Verweigerung einer akademischen Ausbildung aufgrund ihres Geschlechts, setzte sich Bonheur autodidaktisch durch und erlangte bald große Anerkennung.

Sie brach mit vielen gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit und lebte zusammen mit ihrer Lebenspartnerin Nathalie Micas in einem abgelegenen Schloss, dem Château de By in Thoméry, wo sie sich ganz ihrer Kunst und ihrer Liebe zur Natur widmete. Ihre Lebensgeschichte ist nicht nur die einer herausragenden Künstlerin, sondern auch die einer Frau, die ihren eigenen Weg ging, gesellschaftliche Grenzen überschritt und unvergessliche Meisterwerke schuf, die auch heute noch die Kunstwelt bereichern.

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Foto aufgenommen von Eugène Disdéri in 1865


Frühe Jahre und künstlerische Ausbildung

Marie-Rosalie Bonheur wurde am 16. März 1822 in Bordeaux geboren und wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Ihr Vater, der Maler Raymond Bonheur, war Anhänger der sozialutopischen Ideen von Claude Henri de Rouvroy (1760-1825), Graf von Saint-Simon, und förderte die künstlerische Ausbildung seiner Kinder. Ihre Mutter Sophie Marquis war eine begabte Musikerin.

Die Familie zog 1829 nach Paris, um bessere Zukunftsaussichten zu finden. Dort kam Rosa mit den intellektuellen Kreisen und naturwissenschaftlichen Studien in Berührung, insbesondere durch die Bekanntschaft ihres Vaters mit Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1772-1844), einem führenden Naturalisten.

Bereits als Kind zeigte Rosa eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und einen außergewöhnlich entschlossenen Charakter, der sich in einem frühen Porträt ihres Vaters ausdrückte. Statt sich für traditionelle „weibliche“ Motive zu interessieren, zog es sie zu Tieren.

Im April 1833 starb ihre Mutter im Alter von nur 36 Jahren, wahrscheinlich an Cholera. Dieser Verlust prägte Rosa tief und stärkte ihre Beziehung zu ihrem Vater. Er wurde ihr wichtigster Lehrer und Mentor. Eine akademische Ausbildung an der École des Beaux-Arts blieb ihr als Frau verwehrt und so bildete sie sich autodidaktisch weiter. Sie kopierte Werke alter Meister im Louvre und studierte Anatomie anhand echter Tierkörper. Um Muskeln und Bewegungsabläufe korrekt darstellen zu können, besuchte sie regelmäßig Bauernhöfe, Pferdemärkte und sogar Schlachthöfe.
Schon als junge Künstlerin verkaufte sie Studien und Kopien, mit denen sie die Familie unterstützte. Mit neunzehn Jahren stellte sie ihre Arbeiten erstmals beim Pariser Salon aus.


Meisterwerke der Tiermalerei

Ihr offizielles Debüt im renommierten Pariser Salon gab sie 1841.
Der große Durchbruch gelang ihr 1849 mit dem monumentalen Gemälde „Le Labourage Nivernais“ (Pflügen im Nivernais), auch bekannt als „Sombrage“, das vom französischen Staat gekauft wurde. Es ist eines der bekanntesten Werke von Rosa Bonheur, das auf der Grundlage von Skizzen und Studien geschaffen wurde, die sie während eines Aufenthalts im französischen Nivernais gemacht hatte und Ochsen bei der Feldarbeit zeigt. Das Gemälde ist auch von „La Mare au diable“ (Das Teufelsmoor 1846), einem Werk von George Sand, inspiriert und fängt die Atmosphäre der ländlichen Idylle ein.
Das Gemälde ist seit 1986 im Musée d’Orsay in Paris zu sehen, nachdem es sich schon im Musée du Luxembourg, Musée du Louvre und im Château de Fontainebleau befand.

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International berühmt wurde sie wenig später durch „Le Marché aux chevaux“ (Der Pferdemarkt 1852–1855), das ihr weltweite Anerkennung und wirtschaftliche Unabhängigkeit verschaffte, sowie einen Wendepunkt in ihrer Karriere darstellte.
Das Gemälde zeigt eine lebendige Szene eines Pferdemarktes, der einst am Boulevard de l'Hôpital nahe der Salpêtrière stattfand, und von den Arbeiten von Théodore Géricault inspiriert wurde. Eine Gruppe von Pferden wird ausgiebig begutachtet, während potenzielle Käufer und Händler das Geschehen beobachten. Die Dynamik und Energie der Tiere, ihre kraftvolle Präsenz und die meisterhafte Darstellung der Bewegung machen das Werk zu einem faszinierenden Beispiel für Bonheurs Können als Tiermalerin. Besonders bemerkenswert ist der Detailreichtum, mit dem sie die Anatomie der Pferde, ihre Muskeln und ihr Verhalten einfängt, was das Gemälde zu einem Meisterwerk der Tierdarstellung macht.
Es brachte Bonheur nicht nur ihre zweite Goldmedaille, sondern auch breite Anerkennung in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. In den Jahren nach der Ausstellung wurde das Werk von verschiedenen Sammlern erworben und ist heute im Metropolitan Museum of Art in New York zu finden, wo es weiterhin eine der bekanntesten Darstellungen von Pferden in der Kunstgeschichte bleibt.

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Zwischen Konvention und Unabhängigkeit

Rosa Bonheur war nicht nur eine Meisterin der Tiermalerei, sondern auch eine Frau, die gesellschaftliche Normen herausforderte. Um Zugang zu Pferdemärkten, Schlachthöfen und anderen “maskulinen” Orten zu erhalten, beantragte sie in Jahr 1842 eine polizeiliche Erlaubnis, Hosen zu tragen, was damals für Frauen unüblich war. Dennoch trug weiterhin weibliche Kleidung, wenn es die Situation erlaubte.

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Späte Jahre und künstlerische Innovation

In ihren späteren Jahren erweiterte Rosa Bonheur ihr künstlerisches Repertoire und widmete sich zunehmend exotischen Tieren wie Löwen und Tigern. Besonders fasziniert war sie von der Kultur der nordamerikanischen Indianer, die sie durch ihre Begegnungen mit Buffalo Bill und seiner Wild-West-Show vertiefte. Dies führte zu einem Porträt von Buffalo Bill, das sie malte, während sie gleichzeitig ihr Interesse an der Kultur der amerikanischen Ureinwohner weiterverfolgte. Ein Thema, das sie schon lange durch die Werke von James Fenimore Cooper und George Catlin geprägt hatte.

Trotz des internationalen Ruhms blieb sie der Natur, der Tierwelt und einem intensiven Beobachten verbunden. Menschen erschienen in ihren Werken meist nur als Begleiter, während die Tiere im Mittelpunkt standen. Sie pflegte enge Beziehungen zu wenigen Vertrauten, zuerst Nathalie Micas und später Anna Klumpke, die ihr in den letzten Lebensjahren eng verbunden blieb und ihre Werke verwaltete.

Für ihre künstlerischen Leistungen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und wurde schließlich zu einer der erfolgreichsten Malerinnen ihrer Zeit. Als erste Frau wurde sie von Kaiserin Eugénie im Namen von Napoleon III 1865 mit dem Großkreuz der Légion d’honneur ausgezeichnet.
Ihr Leben war geprägt von künstlerischer Disziplin, wirtschaftlicher Selbstständigkeit und einem bemerkenswert modernen Selbstverständnis, die sie bis heute zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts machen.

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Rosa Bonheur und Nathalie Micas – Eine untrennbare Lebensgemeinschaft

Im Jahr 1837 erhielt Raimond Bonheur den Auftrag, das Porträt einer jungen Pariserin zu malen, deren Eltern wegen ihrer angegriffenen Gesundheit in großer Sorge waren. Als Rosa Bonheur der fast gleichaltrigen Nathalie Micas (1824-1889) begegnete, ahnte niemand, dass diese Begegnung ihr Leben für immer verändern würde. Zwischen den beiden jungen Frauen entstand eine ungewöhnlich tiefe Verbundenheit, die rasch über eine bloße Freundschaft hinausging. Nathalie, selbst künstlerisch begabt und handwerklich geschickt, wurde nicht nur Rosas engste Vertraute, sondern auch ihre wichtigste Stütze im Alltag. Während Rosa malte, organisierte Nathalie den Haushalt, begleitete sie auf Reisen und teilte ihre Leidenschaft für Tiere und Natur. Gemeinsam ließen sie sich sogar die behördliche Genehmigung ausstellen, Hosen zu tragen, um sich freier in Werkstätten, auf Märkten oder in der freien Landschaft bewegen zu können. Über fünf Jahrzehnte lebten und arbeiteten sie Seite an Seite, zunächst in Paris und später im Château de By in Thoméry. Rosa bekannte später, sie hätte Nathalie geheiratet, wenn sie ein Mann gewesen wäre, oder wenn die gesellschaftlichen Umstände es erlaubt hätten. Als Nathalie Micas 1889 starb, verlor Rosa Bonheur ihre treueste Gefährtin. Sie ließ sie auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beisetzen. Später verband sie eine enge Beziehung mit der amerikanischen Malerin Anna Klumpke, die nach Bonheurs Tod am 25. Mai 1899 in ihrem Anwesen in Thomery bei Fontainebleau ihre erste Biografie veröffentlichte. Rosa Bonheur wurde an Nathalies Seite auf dem Cimetière du Père Lachaise in Paris bestattet.

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Das Château de By in Thoméry

Im Jahr 1859 kaufte Rosa Bonheur, aus den Erlösen des Verkaufs von „Le Marché aux chevaux“, das Château de By in der Gemeinde Thoméry, nördlich des Dorfes und am Rand des Waldes von Fontainebleau gelegen. Sie zog 1860 zusammen mit Nathalie Micas und deren Mutter ein und schuf sich damit einen Rückzugsort fernab der Pariser Gesellschaft. Das Schloss, ursprünglich eine Jagdresidenz aus dem 15. Jahrhundert, entsprach ihrem Wunsch nach Ruhe und Nähe zur Natur. Rosa Bonheur ließ ein großes Atelier, entworfen von dem Architekten Jules Saulnier, im neo-gotischen Stil auf zwei Ebenen errichten, das durch hohe Fenster und offene Räume optimale Lichtverhältnisse bot. Im Park wurden Gehege für ihre Tiere angelegt, darunter Schafe, Pferde, Hirsche und sogar Löwen, die sie persönlich beobachtete und studierte. Diese Umgebung ermöglichte es ihr, großformatige Studien direkt vor Ort zu realisieren und ihren Stil konsequent weiterzuentwickeln.

Im Jahr 1864 machte die französische Kaiserin Eugénie einen Überraschungsbesuch im Château de By und lud Rosa Bonheur zu einem Mittagessen im Château de Fontainebleau ein, was zu einer eindrucksvollen Holzstich-Darstellung führte. Ein Jahr später kehrte die Kaiserin zurück, um Bonheur persönlich mit der Auszeichnung der Légion d'Honneur zu ehren.

Im Verlauf ihrer Jahre in By verbrachte Rosa Bonheur auch regelmäßig den Winter an der Côte d'Azur, zunächst in der Villa ihres Freundes Ernest Gambart in Nizza und später ab 1895 in ihrer eigenen Villa Bornala. Diese Jahre markierten nicht nur eine Zeit des Rückzugs, sondern auch eine Phase intensiver kreativer Arbeit.

Das Atelier in By, das bis heute nahezu unverändert erhalten ist, vermittelt einen lebendigen Eindruck von ihrem Arbeitsalltag und der intensiven Auseinandersetzung mit der Tierwelt.
Heute beherbergt der Château de By das Musée Rosa Bonheur, das Besucherinnen und Besuchern einen faszinierenden Einblick in ihr Leben, ihre Arbeit und ihren Alltag bietet, vom Atelier bis hin zu persönlichen Gegenständen und Zeichnungen, die die Künstlerin hinterlassen hat.

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