Königsmord durch ein Schwein - Wenn Tiere vor Gericht standen

Im mittelalterlichen Europa, von etwa dem 13. bis ins 18. Jahrhundert, existierte eine Rechtswirklichkeit, die uns heute unglaublich erscheinen mag. Tiere konnten wie Menschen angeklagt, vor Gericht gestellt, verurteilt und bestraft werden. Schweine, Hunde, Pferde, Ratten, Insekten, sie alle konnten als Täter gelten, wenn sie Menschen verletzten, töteten oder der Gemeinschaft schadeten. Vor dem Richter saßen sie in Kleidung, mit Anwälten, Zeugenaussagen und Prozessakten. Sie erhielten oft harten Strafen, die von Bußgeldern bis zur Todesstrafe reichten.

Besonders häufig traf es das Schwein. Kaum ein anderes Tier war im mittelalterlichen Alltag so präsent, denn es war Nutzvieh, Nahrungsquelle, Abfallverwerter, das zur Hygiene der Stadt beitrug und religiöses Symbol. Dass ausgerechnet ein Schwein im Jahr 1131 zum unfreiwilligen Auslöser eines der folgenreichsten dynastischen Umbrüche Frankreichs wurde, wirkt vor diesem Hintergrund beinahe unausweichlich und verwandelte einen scheinbar banalen Unfall in ein Ereignis von politischer, symbolischer und rechtshistorischer Tragweite.

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Quelle: Wikipedida


Ein Unfall, der zur Legende wurde – Der Kronprinz und das Schwein

Bereits im 12. Jahrhundert ereignete sich eine Tragödie, die später zu einer Legende der mittelalterlichen Geschichte wurde.

Philipp von Frankreich wurde am 29. August 1116 als ältester Sohn von König Ludwig VI. genannt „der Dicke“ und Adelheid von Savoyen geboren. Er gehörte dem Haus der Kapetinger an, jener Dynastie, die im Hochmittelalter begann, die französische Monarchie zu stabilisieren. Schon 1129 in der Kathedrale von Reims zum Mitregent gekrönt, sollte er die Herrschaft seines Vaters übernehmen. Die Kapetinger hatten seine frühe Krönung sorgfältig geplant, um die Dynastie zu sichern und Thronstreitigkeiten zu vermeiden.

Am 13. Oktober 1131 ritt der Königssohn die Motte Saint-Gervais entlang und durch die belebten Straßen von Paris, in der Nähe der heutigen Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais, unweit des Rathauses des 4. Arrondissements (Hôtel de Ville) liegt.

Doch ein gewöhnliches Hausschwein sprang aus dem Gedränge und kreuzte seinen Weg. Das Pferd scheute, überschlug sich und schleuderte Philippe so unglücklich, dass er heftig auf den Kopf fiel und schwere Verletzungen davontrug. Er wurde ins nächstgelegene Haus gebracht, starb jedoch kurze Zeit später an seinen Verletzungen. Was heute wie ein tragischer Unfall wirkt, war damals ein Schock für die ganze Krone. Dass der Thronfolger ausgerechnet durch ein gewöhnliches Hausschwein starb und nicht auf dem Schlachtfeld oder bei der Jagd, verstärkte den Schock des Ereignisses zusätzlich.

Der Abt Suger von Saint-Denis, ein enger Vertrauter des Königs und einer der bedeutendsten Intellektuellen seiner Zeit, schilderte den Vorfall in drastischen Worten und beschrieb das Schwein als porcus diabolicus, ein „vom Teufel gesandtes Schwein“, wodurch er dem Ereignis einen stark symbolischen und religiösen Charakter gab. Für die Menschen jener Zeit war dies nicht nur ein Unfall, sondern ein göttlich gesandtes Unglück, das die Zukunft der Dynastie ernsthaft bedrohte.

Am 17. Oktober 1131 wurde der junge Philippe in der Basilika von Saint-Denis beigesetzt.

Die Reaktion des Herrschers ließ nicht lange auf sich warten. Kurz nach dem Drama erließ der Monarch eine Verordnung, die es untersagte, Schweine weiterhin frei durch Paris laufen zu lassen. Bei Missachtung der Regel wurden die Tiere konfisziert und dem Henker von Paris übergeben. Diese Maßnahme war nicht nur ein Akt öffentlicher Sicherheit, sondern auch ein symbolischer Akt staatlicher Autorität.

Einzig die Antoniter-Mönche der Abtei Saint-Antoine waren von der Regel ausgenommen. Sie hielten seit jeher Schweine als heilige Tiere zu Ehren ihres Schutzpatrons, Antonius des Einsiedlers, der in der Wüste vom Teufel in Tiergestalt heimgesucht worden sein soll, mal als Löwe, mal als Wildschwein. In der westlichen Ikonographie verdichteten sich diese Darstellungen schließlich zu dem Bild des Schweins, das fortan untrennbar mit dem heiligen Antonius verbunden blieb.

Die Mönche waren jedoch nicht nur Hüter einer starken Symbolik, sondern vor allem Hospitalbrüder mit einer ausgeprägten karitativen Aufgabe. Sie pflegten Kranke, versorgten Bedürftige und finanzierten ihre Arbeit unter anderem durch die Zucht zahlreicher Schweine, deren Fleisch zur Ernährung der Armen und der Kranken diente oder verkauft wurde, um Einnahmen für ihre Hospitäler zu sichern. Darüber hinaus stellten sie aus Roggenmehl und Honig gewürzte Brote her, die sie mit aromatischen Zutaten verfeinerten. Diese frühen „pains d’épice“ wurden nicht zufällig in der Form ihres symbolischen Tieres gebacken.

Auch wenn dieser Fall nicht in einem Tierprozess endete, zeigt er, dass Tiere als Teil der göttlichen Ordnung galten und als aktive Akteure in menschlichen Schicksalen betrachtet werden konnten.

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Quelle: Wikipedia    


Ein Schwein verändert die Geschichte Frankreichs

Der Tod Philippes war eine politische Katastrophe. Mit einem Schlag war die gesicherte Thronfolge dahin. Unmittelbar rückte sein jüngerer Bruder Louis, gerade einmal 11 Jahre alt, in der Erbfolge nach. Dieser war eigentlich für eine geistliche Laufbahn bestimmt, dennoch wurde er offiziell zum Mitregent erhoben und am 25. Oktober desselben Jahres in Reims von Papst Innozenz II. gekrönt, der sich dort anlässlich eines allgemeinen Konzils aufhält.

Der alternde und gesundheitlich angeschlagene Ludwig VI., offenbar schwer vom Verlust seines ältesten Sohnes getroffen, kümmerte sich in den folgenden Jahren nur noch wenig um die politische und persönliche Vorbereitung seines neuen Erben.

Am 25. Juli 1137 heirateten Ludwig VII. und Eleonore von Aquitanien, eine der mächtigsten und reichsten Erbinnen Europas, auf Drängen des Herzogs von Aquitanien in Bordeaux. Diese Verbindung, eine der folgenreichsten des Mittelalters, brachte Frankreich zunächst die Kontrolle über das riesige Herzogtum Aquitanien, doch schon bald führten unterschiedliche Charaktere, politische Spannungen und dynastische Enttäuschungen zu einer zunehmenden Entfremdung des Paares.

Am 21. März 1152 erklärte ein Konzil die Ehe für annulliert, offiziell wegen zu naher Verwandtschaft. Nur acht Wochen später, am 18. Mai 1152, heiratete Eleonore überraschend den jungen und temperamentvollen Heinrich Plantagenet, neun Jahre jünger als sie und der spätere König Heinrich II. von England. Aus dieser zweiten Ehe gingen mehrere Kinder hervor, darunter Richard Löwenherz (1157–1199). Mit dieser erneuten Verbindung wechselte Aquitanien die Seite, was ein Machtverlust für Frankreich und ein entscheidender Schritt zur Stärkung der englischen Krone war. Die Rivalität zwischen beiden Reichen war damit dauerhaft vorgezeichnet und veränderte das Machtgefüge Westeuropas grundlegend.

Hätte dieses Schwein den Weg des Prinzen Philippe nicht gekreuzt, wäre die Geschichte Frankreichs, vielleicht ganz Europas, anders verlaufen.


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Quelle: Open Edition Books


Der berühmteste Fall – Die Sau von Falaise

Einer der bestdokumentierten Prozesse dieser seltsamen Rechtspraxis ereignete sich im Winter des Jahres 1386 in der normannischen Kleinstadt Falaise. Dort wurde eine etwa dreijährige Sau vor Gericht gestellt, nachdem sie ein Kleinkind tödlich verletzt hatte. Das Schwein hatte dem Säugling am Arm und im Gesicht schwere Bisswunden zugefügt, so dass dieser an seinen Verletzungen starb. Der zuständige Richter verurteilte das Tier tatsächlich nach den gleichen Maßstäben, die man damals bei Menschen verwendete. Die Sau wurde symbolisch „vermenschlicht“, indem man ihr ein Paar hohe Hosen, eine Jacke und weiße Handschuhe an den vorderen Pfoten anzog, bevor sie vor den Richter und die Versammlung geführt wurde. Nach einem neuntägigen Prozess wurde sie auf dem Marktplatz gehängt und danach verbrannt. Doch das Tier sollte nicht nur hingerichtet werden, sondern zuvor die gleiche körperliche Misshandlung erleiden, die es dem Kind zugefügt hatte.

Um die Strafe möglichst wirkungsvoll zu machen, wurde die Hinrichtung bewusst als öffentliches Schauspiel inszeniert. Der Richter ließ die Bauern der Umgebung zusammenrufen und forderte sie auf, ihre Schweine mitzubringen. Die Exekution sollte nicht nur Menschen abschrecken, sondern auch den Tieren selbst als warnendes Zeichen dienen.

Die Fassade der Kirche Sainte-Trinité in Falaise bewahrt die Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Rechtsfall.


Guillotiniert wegen eines Papageis

Im Frühjahr 1794 zeigte sich in Béthune, wie tödlich Worte in Zeiten der Revolution sein konnten, selbst wenn sie aus dem Schnabel eines Papageis stammten. Weil der Vogel immer wieder royalistische Parolen krächzte, geriet seine Besitzerfamilie unter den Verdacht der Konterrevolution und wurde vor das Revolutionstribunal gezerrt. Für die Familie endete diese Anschuldigung tödlich und alle Mitglieder wurden guillotiniert. Der Papagei hingegen entging der Klinge. Er wurde einer überzeugten Revolutionärin namens Le Bon übergeben, die den Auftrag erhielt, ihm neue, politisch korrekte Ausrufe beizubringen. Statt „Es lebe der König“ sollte er fortan der Nation und der Republik zujubeln.


Von Bisswunden bis Getreidediebstahl und sündhaften Begegnungen

Im mittelalterlichen Rechtsverständnis existierte die Vorstellung, dass Tiere moralisch und rechtlich verantwortlich sein könnten. Sie waren nicht nur Besitz, sondern Teil der „Gemeinschaft der Geschöpfe Gottes“. Diese Sicht wurde durch Bibelstellen und kirchliche Lehren gestützt. ihre Handlungen mussten bewertet und bei Fehlverhalten gesühnt werden.

Auf dieser Grundlage entwickelten die Gerichte eine Einteilung von Tierfällen in drei grundlegende Kategorien. Zunächst wurden Unfälle und Tötungsdelikte behandelt, wenn ein Tier einen Menschen verletzte oder tötete. Besonders häufig geschah dies mit Schweinen und Pferden.
Dann gab es Fälle, in denen Tiere Schäden an Gemeinschaftsgütern verursachten, etwa an Getreide, Vorräten oder anderen Lebensmitteln. Hier standen vor allem Ratten, Insekten oder Schnecken im Visier der Justiz.
Schließlich existierte die Kategorie der Bestialität, bei der Menschen sexuellen Kontakt mit Tieren vorgeworfen wurde. In diesen seltenen Fällen konnten sowohl Mensch als auch Tier vor Gericht erscheinen.

Entscheidend war, dass in all diesen Prozessen nicht allein der materielle Schaden zählte. Es ging vielmehr um die vermeintliche Fähigkeit der Tiere, Recht und Unrecht zu erkennen.


Andere kuriose und überraschende Fälle

Nicht nur Schweine und Papageien gerieten vor Gericht. Insekten, Ratten und sogar Delfine wurden verklagt, verflucht oder exorziert. Ein besonders spektakulärer Fall ereignete sich 1596 in Marseille, als Delfine, die den Hafen „belagerten“, offiziell exorziert wurden und danach spurlos verschwanden. Käfer, Heuschrecken oder Rüsselkäfer wurden bei Gottesdiensten verflucht, um Felder und Vorräte zu schützen. Sogar Ratten standen vor Gericht, und in einem bekannten Fall verteidigte der Jurist Barthélemy de Chasseneuz eine ganze Rattenkolonie aus Autun im Burgund erfolgreich, indem er die formalen Schwächen der Anklage anprangerte.

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Quelle: Wikipedia

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