Victor Hugo – Zwischen Literatur, Liebe und Revolution

Victor Hugo, einer der größten Schriftsteller der französischen Literatur, ist nicht nur für seine literarischen Meisterwerke berühmt, sondern auch für sein außergewöhnliches Leben, das von politischen Kämpfen, persönlichen Dramen und einer tiefen Verbundenheit zu seinem Land geprägt war. Geboren am 26. Februar 1802 in Besançon, wuchs Hugo in einer Zeit auf, die von politischen Umwälzungen und den Auswirkungen der Französischen Revolution durchzogen war. Als Schriftsteller, Dichter, Dramatiker und politischer Aktivist setzte er sich für die Rechte der Armen, die Demokratie und die soziale Gerechtigkeit ein. Seine Werke, darunter „Les Misérables“ und „Notre-Dame de Paris“, sind bis heute von enormer Bedeutung und haben tiefgreifenden Einfluss auf die Literatur und das kollektive kulturelle Gedächtnis.

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Frühe Jahre und erste literarische Erfolge

Victor Hugo wurde als Sohn eines Generals der französischen Armee geboren, dessen Familie durch die Wirren der Revolution und die Napoleonischen Kriege stark beeinflusst wurde. Seine Kindheit war von ständigen Umzügen und einer tiefen Prägung durch das politische Klima des 19. Jahrhunderts begleitet. Sein Vater Joseph Léopold Sigisbert war ein überzeugter Bonapartist und seine politischen Ansichten standen oft im Gegensatz zu denen seiner Mutter Sophie Trébuchet. So wuchs Victor Hugo in einem von zwei sehr unterschiedlichen Weltsichten geprägten Haushalt auf.
Die Familie zog häufig um, und Victor Hugo verbrachte seine ersten Jahre in Paris, dann in verschiedenen Städten in Italien und Spanien. Schon früh zeigte Hugo ein starkes Interesse an Literatur und Kunst, unterstützt durch seine Mutter, die eine große Leidenschaft für Literatur hegte.

Im Alter von 14 Jahren schrieb er in seinem Tagebuch: „Ich will Chateaubriand sein oder nichts“, was seine große Bewunderung für den berühmten romantischen Schriftsteller François-René de Chateaubriand widerspiegelte. Nur ein Jahr später nahm Victor an einem renommierten Dichterwettbewerb teil, der von der Académie française organisiert wurde.

Im Jahr 1822 veröffentlichte er seine erste Gedichtsammlung „Odes et poésies diverses“, die ihm bedeutende Anerkennung einbrachte. Diese Sammlung brachte ihm den begehrten Prix de Rome ein, was ihm 1823 eine Reise nach Rom ermöglichte. In dieser Zeit wuchs nicht nur seine Bekanntschaft in der literarischen Szene, sondern auch seine politische Haltung, die später in vielen seiner Werke Ausdruck fand.

Mit den Jahren wurde Hugo nicht nur als Dichter anerkannt, sondern auch als Dramatiker und Romanautor. Sein Werk „Notre-Dame de Paris“ (1831) machte ihn zu einem der bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit und trug dazu bei, das Interesse an der gotischen Architektur zu wecken. Doch es war sein Meisterwerk „Les Misérables“ (1862), das ihm internationale Berühmtheit verschaffte und zu einem unverwechselbaren Symbol für soziale Gerechtigkeit und den Widerstand gegen Ungerechtigkeit wurde.

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Leidenschaft, Verlust und die Schatten seines Lebens

Der frühe Tod seiner Mutter im Jahr 1821 war ein entscheidender Moment in Hugos Leben. Ihre Abwesenheit hinterließ bei ihm eine große Leere, da die Jahre, in denen er von seinem Vater getrennt war, ihn besonders eng an seine Mutter gebunden hatten. Dieser Verlust beeinflusste sowohl seine persönliche Entwicklung als auch seine künstlerische Auseinandersetzung mit Themen wie Trauer und Vergänglichkeit.

Mit zwanzig Jahren heiratete er Adèle Foucher, eine Ehe, die zunächst von familiärer Harmonie geprägt war. Gemeinsam hatten sie fünf Kinder: Léopold, der nur wenige Monate lebte, Léopoldine, Charles, François-Victor und Adèle. Die junge Familie pflegte enge Beziehungen zu bekannten Persönlichkeiten der Pariser Literaturszene, darunter Prosper Merimée und Alfred de Musset, sowie den Künstler Eugène Delacroix, was Victor sowohl in seiner Rolle als Dichter als auch als politischer Denker stützte.

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Während dieser Zeit widmete Victor Hugo sich vor allem dem Theater. Von 1830 bis 1843 widmete er sich fast ausschließlich der dramatischen Literatur, von denen viele Stücke auf Widerstand stießen und etablierte Theaterhäuser sie nicht aufführen wollten. Gemeinsam mit Alexandre Dumas setzte er deshalb die Gründung des Théâtre de la Renaissance durch, das 1836 eröffnet wurde.

Victors Leben war nicht nur von familiärer Stabilität geprägt. 1833 lernte er die Schauspielerin Juliette Drouet kennen, mit der er eine leidenschaftliche Beziehung begann, die 50 Jahre lang halten sollte. Über die Jahre hinweg schrieb Victor für Juliette zahlreiche Gedichte, und die beiden feierten jedes Jahr den Jahrestag ihrer ersten gemeinsamen Nacht mit einem besonderen Ritual, bei dem sie in einem gemeinsamen Tagebuch, dem Livre de l'anniversaire, ihre Gedanken und Gefühle festhielten. Juliette begleitete ihn auf viele seiner Reisen und war bis zu ihrem Tod 1883 eine ständige Quelle der Inspiration für Hugo.

Doch trotz dieser festen Beziehung hatte Hugo auch zahlreiche andere Liebesaffären, darunter die Schauspielerin Alice Ozy, mit der er 1847 eine Affäre hatte, die jedoch gleichzeitig mit Hugos Sohn Charles liiert war.

Die wohl tragischste Erfahrung seines Lebens war der Tod seiner Tochter Léopoldine, die 1843 im Alter von 19 Jahren bei einem Bootsunfall in der Seine ertrank. Hugo erfuhr von diesem Unglück während eines Aufenthalts in den Pyrenäen. Der Schock war immens, und der Schmerz über den Verlust der geliebten Tochter lähmte ihn für viele Monate. In dieser Zeit zog er sich fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und konnte kaum noch schreiben. In seiner Gedichtsammlung „Les Contemplations“ fand der Schmerz über ihren Tod Ausdruck, insbesondere in dem bewegenden Gedicht „Demain, dès l'aube...“, das zu einem der bekanntesten Werke der französischen Literatur wurde.

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Politisches Engagement und Exil

Victor Hugo war nicht nur ein literarisches Genie, sondern auch eine der schillerndsten politischen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Während seine frühen Jahre im literarischen und künstlerischen Milieu stattfanden, begann seine politische Karriere in den 1840er‑Jahren zunehmend ernste Formen anzunehmen. Seine Texte und Reden, die später in der Sammlung „Actes et paroles“ zusammengefasst wurden, zeigen, wie tief er sich in die politischen Debatten seiner Zeit einmischte. Bereits vor seinem Exil setzte er sich leidenschaftlich für grundlegende Freiheiten ein, darunter die Abschaffung der Todesstrafe, die Pressefreiheit, die Freiheit des Theaters und der Bildung sowie soziale Reformen zugunsten der Armen und Ausgegrenzten.

Bereits 1841 wurde Victor Hugo in die Académie française gewählt. Unter der Julimonarchie entwickelte er sich vom anfänglichen Bewunderer monarchischer Institutionen zu einem zunehmend kritischeren Beobachter des politischen Geschehens. 1845 ernannte ihn König Louis‑Philippe zum Pair de France, ein Amt im Oberhaus des Parlaments, doch Hugo wandelte sich mehr und mehr zu einem entschiedenen Verfechter republikanischer Ideale und eines fortschrittlichen, sozialen Frankreichs. Er legte Reden vor, die soziale Missstände anprangerten, die Rechte der Arbeiter betonten und tief verwurzelte Ungerechtigkeiten hinterfragten.

Die Revolution von 1848 markierte einen weiteren Wendepunkt. Nach dem Sturz der Julimonarchie wurde er Abgeordneter in der Nationalversammlung der Zweiten Republik. Er sprach sich für universelle Bürgerrechte aus und kämpfte gegen soziale Ungleichheit sowie für eine gerechtere Gesetzgebung. Hugo kritisierte entschieden die autoritärere Politik von Louis‑Napoléon Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoléon III. , insbesondere nachdem dieser am 2. Dezember 1851 mit einem Staatsstreich die Republik auflöste. Victor gehörte zu denen, die aktiv zum Widerstand aufriefen und sich an den Unruhen in Paris beteiligten, bevor die gegnerischen Truppen die Aufstände blutig niederschlugen.

Nach dem Staatsstreich wurde Hugo zur Zielscheibe der Repression. Am 11. Dezember 1851 verließ er Paris und zog zunächst nach Brüssel, dann 1852 nach Jersey und schließlich nach Guernsey, wo er rund 19 Jahre im Exil lebte. In dieser Zeit blieb er politisch sehr aktiv und schrieb in den folgenden Jahren viele seiner berühmtesten Werke. Während dieser Zeit schrieb Hugo Werke wie „Les Châtiments“ (1853), eine Sammlung von politischen Gedichten, die die tiefgreifenden sozialen und politischen Umwälzungen in Frankreich reflektierten.

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Rückkehr nach Frankreich

Mit Beginn des Französisch‑Preußischen Kriegs und dem Sturz des Second Empire im Jahr 1870 kehrte er nach Frankreich zurück, wo er erneut politische Anerkennung fand und vom Volk wie ein Held empfangen wurde. In der frühen Dritten Republik wurde er 1871 in die Nationalversammlung und später 1876 in den Senat gewählt, wo er weiterhin für soziale Reformen, Bildung, Rechte der Kinder und Schutz für politische Gefangene eintrat.

Im Jahr 1885 starb Victor Hugo im Alter von 83 Jahren. Sein Tod wurde als nationales Ereignis gewürdigt, denn am 26. Mai 1885 beschloss das Parlament mit überwältigender Mehrheit, ihm ein Staatsbegräbnis zu gewähren.

In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni wurde sein Sarg unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt. Ein schwarzer Trauerschleier hing schräg über dem Monument, während berittene Soldaten Totenwache hielten. Über dem Katafalk (einer feierlich geschmückten Plattform für den Sarg) leuchteten schlicht die Initialen „VH“. Die Inszenierung, entworfen vom Architekten Charles Garnier, verband republikanische Würde mit monumentaler Theatralik.
Am 1. Juni setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Über mehrere Kilometer zog sich der Zug durch Paris bis zum Panthéon.


Das Hôtel de Rohan-Guéméné und Victors Pariser Jahre

Die Jahre von Victor Hugo in Paris sind untrennbar mit der Adresse Place des Vosges verbunden. Im Jahr 1832 zog er mit seiner Familie in das Hôtel de Rohan-Guéméné, ein prachtvolles Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert, das zu den prächtigsten Adressen der Stadt zählte.

Die Wohnung von Victor Hugo war ein wichtiger Rückzugsort sowohl für sein persönliches als auch für sein literarisches Leben. Sie befand sich im zweiten Stock des Gebäudes und bestand aus mehreren Zimmern, darunter ein Salon, ein Arbeitszimmer und die Schlafzimmer der Familie Hugo. Besonders bemerkenswert war das Arbeitszimmer, in dem er große Teile seines Romans „Les Misérables“ schuf.

Hier erlebte er auch die turbulente politische Atmosphäre der 1830er und 1840er Jahre, geprägt durch die Julimonarchie und die zunehmenden Spannungen zwischen Monarchie und Bürgertum, die eine Zeit intensiver politischer Unruhen waren. Er empfing Gäste und wurde in Gespräche verwickelt, die ihn weiterhin politisch und literarisch prägten.

Heute ist die Wohnung von Victor Hugo am Place des Vosges ein faszinierendes Museum, das dem Leben und Werk des Dichters gewidmet ist. Die Maison Victor Hugo in Paris ermöglicht es den Besuchern, in die Welt des Schriftstellers einzutauchen und mehr über die verschiedenen Phasen seines Lebens zu erfahren, von seiner Zeit als politischer Aktivist bis hin zu seiner kreativen Tätigkeit als Schriftsteller. Die Räume des Museums vermitteln nicht nur einen historischen, sondern auch einen persönlichen Eindruck von Hugo und seiner Familie.

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Weitere wichtige Wohnorte

Neben seiner Wohnung in Paris hatte Hugo noch andere bemerkenswerte Wohnorte, die von Bedeutung für sein Leben waren.

Nachdem Hugo mit seiner Familie 1848 wegen politischer Unruhen aus seiner Wohnung am 
Place des Vosges fliehen musste, zog er in die Rue de l'Isly im 8. Arrondissement von Paris. Diese Wohnung war schlichter als das frühere Domizil im aristokratischen Marais, aber dennoch ein wichtiger Ort für Hugos weitere politische und literarische Entwicklungen.

Während seines Exils lebte Hugo zuerst auf Jersey und später auf Guernsey. Dort erwarb er 1856 ein Haus, das er nach seinen eigenen Vorstellungen umbauen und künstlerisch ausgestalten ließ, Hauteville House. Das Haus ist reich mit dunklen Holzvertäfelungen, Spiegeln, Stoffen und symbolischen Inschriften dekoriert.

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