Olympe de Gouges – Eine Stimme der Revolution und der Frauenrechte

Olympe de Gouges, geboren als Marie Gouze, war eine der außergewöhnlichsten und mutigsten Frauen der Französischen Revolution. Als Schriftstellerin, Dramatikerin und politische Denkerin erhob sie ihre Stimme in einer Zeit radikaler Umbrüche und bezahlte dafür mit ihrem Leben. Während die Revolution Freiheit und Gleichheit proklamierte, prangerte sie unermüdlich an, dass diese Rechte den Frauen verweigert blieben. Mit ihrer berühmten „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ schuf sie ein Dokument, das bis heute als Meilenstein der Frauenrechtsgeschichte gilt. Ihr Leben war geprägt von sozialem Engagement, intellektueller Unabhängigkeit und dem unbeirrbaren Glauben an Gerechtigkeit.

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Frühe Jahre und Herkunft

Olympe de Gouges wurde am 7. Mai 1748 in Montauban im Süden Frankreichs geboren. Offiziell war sie die Tochter eines Metzgers, doch es kursierten Gerüchte, ihr leiblicher Vater sei der Marquis de Pompignan gewesen, ein gebildeter Adliger und Literat.
Diese Vermutung lässt sich historisch nicht eindeutig belegen, erhält jedoch durch die engen Verbindungen ihrer mütterlichen Familie zur angesehenen Adelsfamilie Lefranc de Pompignan eine gewisse Plausibilität.
Olympe de Gouges’ Großvater mütterlicherseits, Jacques Mouisset, war Hauslehrer von Jean-Jacques Lefranc de Pompignan. Ihre Großmutter Anne Marty wiederum war Amme von dessen Bruder Jean-Georges Lefranc de Pompignan, der später Bischof von Le Puy-en-Velay wurde. Zudem war Jean-Jacques Lefranc de Pompignan Taufpate ihrer Mutter Anne Olympe Mouisset.

Mit 17 Jahren wurde sie verheiratet und bekam einen Sohn. Die Ehe empfand sie als Zwang und nach dem frühen Tod ihres Mannes lehnte sie eine erneute Heirat konsequent ab. Sie betrachtete die Institution der Ehe als Unterdrückungsinstrument für Frauen, eine Überzeugung, die später in ihren Schriften deutlich hervortrat.
In den 1770er Jahren zog sie nach Paris und nahm den Namen „Olympe de Gouges“ an. Dort begann sie, sich autodidaktisch zu bilden, Salons zu besuchen und Kontakte zu Intellektuellen zu knüpfen. Ohne formale Ausbildung entwickelte sie sich zu einer engagierten Schriftstellerin mit klarem politischem Bewusstsein.

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Literarische Anfänge und Engagement gegen die Sklaverei

Schon vor der Revolution machte sich Olympe de Gouges als Autorin einen Namen. Sie schrieb Theaterstücke und politische Texte, in denen sie soziale Missstände offen kritisierte.
In den frühen 1780er Jahren verfasste sie ihr erstes größeres Bühnenwerk: „Zamore et Mirza“, ein Prosadrama in drei Akten. Darin stellte sie die Unmenschlichkeit der kolonialen Sklaverei ins Zentrum und verlieh versklavten Menschen eine Stimme. Dieses Thema wurde zwar in Frankreich diskutiert, aber nur selten so direkt künstlerisch aufgegriffen.
Zu einer Zeit, in der wirtschaftliche Interessen die Kolonialpolitik bestimmten, forderte sie die Abschaffung der Sklaverei und prangerte die Unmenschlichkeit des Systems an. Damit gehörte sie zu den frühen französischen Stimmen des Abolitionismus.

Obwohl das Stück bereits Jahre zuvor entstanden war, kam es erst Ende 1789 zur Aufführung an der Comédie-Française, dem renommiertesten Theater Frankreichs. Für die Bühne erhielt das Werk den Titel „L’Esclavage des Noirs“. Die Premiere verlief jedoch alles andere als ruhig. Nach nur wenigen Vorstellungen verschwand das Stück vom Spielplan. Erst 1792 wurde der Text gedruckt und so einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

Ihre Werke verbanden moralische Appelle mit politischer Analyse. Sie schrieb über Armut, soziale Ungleichheit, das Recht auf Scheidung, über Mutterschaft und über die rechtliche Benachteiligung unehelicher Kinder. Immer wieder stellte sie die Frage nach einer gerechten Gesellschaft für Männer und Frauen gleichermaßen.

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Politische Schriften und Reformideen vor der Radikalisierung

Noch vor dem eigentlichen Höhepunkt der Revolution trat Olympe de Gouges verstärkt als politische Publizistin hervor. Im Jahr 1788 veröffentlichte das Journal général de France zwei ihrer Schriften. In ihrem „Lettre au Peuple“ stellte sie unter anderem die Idee einer patriotischen Steuer vor, die zur Stabilisierung der Staatsfinanzen beitragen sollte.

Sie sprach sich für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen aus, soziale Fürsorgeprogramme und eine stärkere politische Verantwortung der Bürger. Ihre Texte richteten sich nicht nur an ein anonymes Publikum, sondern gezielt an die politischen Entscheidungsträger der ersten revolutionären Legislaturperioden, sowie an patriotische Klubs. Auch bedeutende Persönlichkeiten der Zeit erhielten ihre Schriften, darunter Mirabeau, Jacques Necker und der Marquis de La Fayette, den sie für seine Rolle im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bewunderte.


Die Französische Revolution und die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“

Mit dem Beginn der Revolution 1789 begrüßte Olympe de Gouges zunächst die neuen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Doch sie erkannte rasch, dass diese Prinzipien nur für Männer galten. Die 1789 verabschiedete Déclaration des droits de l'homme et du citoyen schloss Frauen de facto aus. Für Olympe de Gouges war dies kein Versehen, sondern ein grundlegender Widerspruch im revolutionären Denken.

1791 veröffentlichte sie deshalb ihr bedeutendstes politisches Dokument, die „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“. Dieses Dokument war eine direkte Antwort auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789. In 17 Artikeln forderte sie die politische Gleichberechtigung von Frauen, das Recht auf Eigentum und öffentliche Ämter, Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit, sowie die Beteiligung von Frauen an der Gesetzgebung. Ihr Anliegen war nicht bloß eine Ergänzung der bestehenden Ordnung, sondern eine grundlegende Neudefinition von Bürgerschaft.

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Berühmt wurde ihr Satz:
„Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht haben, die Rednertribüne zu besteigen.“

Ihre Schrift war nicht nur ein politisches Manifest, sondern auch eine provokante Anklage gegen patriarchale Machtstrukturen. Sie vertrat die Überzeugung, dass eine gerechte Gesellschaft nur möglich sei, wenn Frauen als vollwertige Bürgerinnen anerkannt würden.

Olympe de Gouges sympathisierte politisch mit den gemäßigten Girondisten und sprach sich gegen die Hinrichtung von Ludwig XVI; aus. Sie plädierte für eine Volksabstimmung über sein Schicksal und warnte vor Radikalisierung und Gewalt. Damit geriet sie zunehmend ins Visier der jakobinischen Machthaber.

Als es im November 1792 innerhalb des Nationalkonvents zum Bruch zwischen Maximilien Robespierre und Jérôme Pétion de Villeneuve kam, stellte sie sich auf die Seite Pétions. In ihren späteren Schriften griff sie insbesondere Robespierre, Jean-Paul Marat und Bourdon de l’Oise scharf an. Zugleich distanzierte sie sich im Frühjahr 1793 auch von den Girondisten, mit denen sie zuvor sympathisiert hatte, und rief, im Namen der Republik, zur Einigkeit aller politischen Strömungen des Konvents auf.

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Plakat Olympe de Gouges – Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin
(herausgegeben und verkauft von der Nationalversammlung)


Verhaftung und Hinrichtung

Im Jahr 1793 verschärfte sich die politische Lage dramatisch. Olympe de Gouges teilte die Einschätzung des Girondisten Pierre Vergniaud, dass die Revolution in eine gefährliche Richtung steuere und sie veröffentlichte eine Schrift, in der sie die Bürger zur Abstimmung über die zukünftige Staatsform aufrief. Dies wurde als Angriff auf die revolutionäre Regierung gewertet. Ihr Brief wurde noch während der Verlesung zensiert.

In einem öffentlichen Appell wandte sie sich an Georges Danton. Sie rief ihn dazu auf, die von ihr dargelegten republikanischen Prinzipien zu verteidigen, und betonte, dass politische Meinungsverschiedenheiten nicht die gemeinsame Verantwortung für das Gemeinwohl aufheben dürften. Anders als radikale Stimmen wollte sie weder das Volk aufwiegeln noch zur Gewalt aufrufen. Ihr Ziel blieb die Einheit der Konvention und die Bewahrung der Republik vor innerer Zerstörung.

Doch ihre mahnenden Worte fanden in der aufgeheizten Atmosphäre des Jahres 1793 kaum noch Gehör. Am 20. Juli 1793 wurde Olympe de Gouges von den Montagnards verhaftet – genau an dem Tag, an dem eines ihrer letzten politischen Schriften öffentlich ausgehängt wurde. Am 6. August musste sie sich vor dem Revolutionstribunal verantworten und wurde offiziell angeklagt. Olympe de Gouges versuchte bis zuletzt, sich zu verteidigen. Sie ließ zwei Flugblätter aus der Haft schmuggeln und drucken, „Olympe de Gouges au Tribunal révolutionnaire“ und „Une patriote persécutée“, in denen sie ihre Sicht der Vorwürfe darlegte.

Am Morgen des 2. November 1793, nur zwei Tage nach der Hinrichtung ihrer Girondin-Freunde, wurde sie vor das Tribunal gebracht und zum Tode verurteilt.
Einen Tag später brachte man sie zu ihrem Hinrichtungsort, der Guillotine auf dem heutigen Place de la Concorde. Zu dieser Zeit war Charles-Henri Sanson der amtierende Scharfrichter von Paris, der die Hinrichtungen leitete.

Berichten zufolge erklärte sie auf dem Weg zum Schafott, sie sterbe als Opfer ihrer Liebe zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit. Vor ihrer Hinrichtung rief sie aus: „Enfants de la Patrie, vous vengerez ma mort.“ („Kinder des Vaterlandes, ihr werdet meinen Tod rächen.“).

Olympe de Gouges war zu diesem Zeitpunkt 45 Jahre alt. Ihr Tod wurde zu einem Symbol für den Mut einer Frau, die bis zuletzt für ihre Überzeugungen eintrat.
Nach ihrem Tod geriet sie lange in Vergessenheit. Erst im 20. Jahrhundert wurde sie als Pionierin des Feminismus wiederentdeckt. Heute gilt sie als eine der ersten politischen Denkerinnen, die konsequent Gleichberechtigung forderten.

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Olympe de Gouges auf dem Schafott (Illustration von Lavis de Mettais, 1793, British Museum)


Auf den Spuren von Olympe de Gouges in Paris

Wer sich heute in Paris auf die Spuren von Olympe de Gouges begeben möchte, kann ihr an mehreren historischen Orten „begegnen“. Im 6. Arrondissement erinnert eine Gedenktafel in der 18, rue Servandoni an sie, sowie auch in der 4, rue du Buis, im damaligen Vorort Auteuil, wo eine Tafel auf eines der Häuser hinweist, in denen sie während der Revolutionsjahre lebte. Im Marais trägt zudem ein öffentlicher Platz ihren Namen.

Ein weiterer wichtiger Erinnerungsort ist die Chapelle expiatoire. Sie erhebt sich auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs der Madeleine, wo Olympe de Gouges nach ihrer Hinrichtung beigesetzt wurde. Dort wird auch an andere während der Revolution guillotinierte Frauen erinnert, darunter Charlotte Corday und Manon Roland sowie an Marie-Antoinette.

Auch die Conciergerie auf der Île de la Cité gehört zu diesen Erinnerungsorten. In diesem ehemaligen Revolutionsgefängnis verbrachte sie ihre letzten Tage vor dem Prozess.

Am 19. Oktober 2016 wurde im Palais Bourbon, dem Sitz der französischen Nationalversammlung, ein Büstenporträt von Olympe de Gouges aufgestellt. Das Werk entstand durch die Zusammenarbeit der Bildhauer Fabrice Gloux und Jeanne Spéhar. Damit wurde Olympe de Gouges als erste Frau der französischen Politik in der Kunstsammlung der Nationalversammlung gewürdigt.

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