Hoch über der Vienne erhebt sich die imposante Festung von Chinon und beherrscht noch heute das Stadtbild der gleichnamigen historischen Stadt im Département Indre-et-Loire. Die weitläufige mittelalterliche Anlage gehört zu den eindrucksvollsten Festungen des Loiregebiets und unterscheidet sich zugleich deutlich von den prachtvollen Renaissance-Schlössern, für die das Tal der Loire heute vor allem bekannt ist. Während in Villandry die Gärten, in Amboise die königliche Residenz und in Cheverny die elegante Architektur im Mittelpunkt stehen, begegnet man in Chinon vor allem dem mittelalterlichen Frankreich und einer Geschichte, die über Jahrhunderte hinweg eng mit den politischen Auseinandersetzungen zwischen den englischen Plantagenets und den französischen Königen verbunden war.
Heinrich II. Plantagenet machte Chinon zu einem wichtigen Zentrum seiner kontinentalen Besitzungen und verbrachte hier einen Teil seiner letzten Lebensjahre. Nach der Eroberung durch Philipp II. August wurde die Festung zu einem wichtigen Stützpunkt der französischen Krone.
Jahrhunderte später wurde Chinon erneut zum Schauplatz eines Ereignisses von außergewöhnlicher Bedeutung. 1429 traf Jeanne d’Arc hier auf den französischen Thronfolger Karl, den späteren König Karl VII. Die Begegnung steht bis heute im Mittelpunkt der Geschichte der Festung und gehört zu den bekanntesten Episoden aus der Zeit des Hundertjährigen Krieges. Sie gehört zu den wenigen großen mittelalterlichen Festungen im Loiretal, die bis heute in dieser Form erhalten geblieben sind.
Gegen Ende des Römischen Reiches wurde der Felsvorsprung befestigt. Die Befestigung bestand auch während der folgenden Jahrhunderte weiter und wurde während der merowingischen und karolingischen Zeit genutzt. Archäologische Untersuchungen haben unter anderem große unterirdische Speicher und Wirtschaftsgebäude aus dieser Epoche ans Licht gebracht. Im 7. und 8. Jahrhundert befand sich in Chinon sogar eine königliche Münzstätte, bevor zwischen 920 und 954 wegen der weiterhin bestehenden Bedrohung durch die Wikinger die Münzstätte von Tours hierher verlegt wurde.
Im 10. Jahrhundert gelangte Chinon in den Besitz der Grafen von Blois. Thibaud I. von Blois, genannt Thibaud der Betrüger (um 910–um 975), ließ 954 den ersten steinernen Turm der späteren Festung errichten. Dieser neue Turm wurde von einer eigenen Mauer umgeben und damit von dem älteren befestigten Bereich getrennt. Von dieser ersten steinernen Burg ist heute kaum noch etwas zu erkennen, doch sie bildete einen wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung der Festung.
1044 ging Chinon an die Grafen von Anjou über. Damit begann eine Entwicklung, die den Ort schließlich in das Herrschaftsgebiet der Plantagenêts führte und aus der Burg einen der bedeutendsten Machtorte des mittelalterlichen Westfrankreichs machte.
Heinrich II. machte Chinon zu einem politischen und administrativen Zentrum seines Reiches. Besonders bedeutend war dabei der Ausbau des östlichen Teils des Felsplateaus, des heutigen Fort Saint-Georges. Archäologische Ausgrabungen, die zwischen 2003 und 2010 durchgeführt wurden, brachten hier die Überreste eines bis dahin weitgehend unbekannten Plantagenêt-Palastes ans Licht, der um 1160 unter Heinrich II. errichtet worden war, der sich hier regelmäßig aufhielt. Die Entdeckung ist für die Geschichte der Festung von großer Bedeutung, da nur sehr wenige Paläste aus dieser Zeit archäologisch so gut nachgewiesen werden können.
Der Palast war wesentlich größer, als man aufgrund der heute sichtbaren Ruinen zunächst vermuten würde. Ein langgestrecktes Hauptgebäude verlief parallel zur Vienne und beherbergte im ersten Stock die große Halle, in der Heinrich II. öffentliche Audienzen abhielt. An das Hauptgebäude schlossen sich mehrere Seitenflügel an, in denen sich die privaten Räume und weitere Nebenbereiche befanden. Eine eigene Kapelle gehörte ebenfalls zu dem Palastkomplex. Die verschiedenen Gebäude waren um mehrere Innenhöfe angeordnet und von einer eigenen Befestigungsmauer umgeben, deren Reste noch heute auf dem Gelände des Fort Saint-Georges zu erkennen sind.
Auch ein königlicher Schatz wurde in Chinon aufbewahrt. Heinrich II. ließ dafür die sogenannte Tour du Trésor errichten. Dabei handelte es sich nicht einfach um einen Tresor im modernen Sinn, denn zum königlichen Schatz gehörten vor allem Urkunden, Schriftstücke und andere Dokumente, die für die Verwaltung des Reiches von großer Bedeutung waren. Die erhaltenen Räume des Turms besitzen noch heute ihre Gewölbe und geben einen Eindruck von der Funktion dieses ungewöhnlichen Gebäudes.
Heinrich II. konnte in Chinon damit sowohl seine politische Macht als auch seine militärische Kontrolle über die Region demonstrieren.
Die Ehe zwischen Heinrich und Eleonore war politisch außerordentlich bedeutend, aber keineswegs frei von Konflikten. Das Verhältnis zwischen dem König und seinen Söhnen verschlechterte sich zunehmend, da diese eine größere Beteiligung an der Herrschaft über die verschiedenen Gebiete des Plantagenêt-Reiches verlangten. 1173 kam es schließlich zu einer offenen Rebellion.
Eleonore unterstützte ihre Söhne in diesem Konflikt. Heinrich II. ließ sie daraufhin festsetzen und zunächst in Chinon gefangen halten, bevor sie nach England gebracht wurde und dort über viele Jahre unter strenger Bewachung stand.
Die letzten Lebensjahre Heinrichs II. waren von weiteren Konflikten mit seinen Söhnen Richard Löwenherz (1157–1199) und Johann Ohneland (1166–1216) geprägt, die Unterstützung bei Philipp II. August (1165–1223), dem französischen König, suchten. Der französische König nutzte die inneren Konflikte der Plantagenet-Familie, um den französischen Einfluss auf die Gebiete der englischen Krone in Frankreich zu vergrößern. Heinrich II. geriet dadurch zunehmend unter militärischen und politischen Druck.
Als Heinrich II. 1189 schwer erkrankte und sich auf der Flucht vor seinem Gegner Philipp II. August befand, zog er sich nach Chinon zurück. Hier starb er am 6. Juli 1189 in der Kapelle Saint-Melaine, deren ehemaliger Standort heute durch eine Gedenktafel markiert wird. Sein Leichnam wurde anschließend in die Abtei Fontevraud gebracht. Dort entstand später die berühmte Grablege der Plantagenets, in der auch Eleonore von Aquitanien und Richard Löwenherz beigesetzt wurden.
Richard Löwenherz starb bereits 1199 während der Belagerung der Burg Châlus im Limousin. Sein Bruder Johann Ohneland folgte ihm auf den englischen Thron und erkannte die strategische Bedeutung Chinons. Er investierte erhebliche Mittel in die Verstärkung der Festung.
Die politische Situation hatte sich inzwischen jedoch deutlich verschlechtert. Philipp II. August nutzte die Schwächung der Plantagenet-Herrschaft und ging systematisch gegen die englischen Besitzungen in Frankreich vor. Nach der Eroberung der Normandie wandte er sich der Touraine zu und nahm schließlich Chinon ins Visier.
Nach seinem Sieg ließ Philipp August die Verteidigungsanlagen umfassend erneuern. Eine seiner wichtigsten Baumaßnahmen war die Errichtung des mächtigen Tour du Coudray, der auf mehreren Ebenen mit Schießscharten ausgestattet war und über besonders gesicherte Zugänge verfügte. Eine doppelte Fallgatteranlage, eine Zugbrücke und eine Öffnung im Eingangsbereich ermöglichten die Kontrolle des Zugangs. Er war damit nicht nur ein Wehrturm, sondern ein wichtiger Bestandteil des gesamten Verteidigungssystems. Seine massive Konstruktion zeigt deutlich den Wandel der mittelalterlichen Burgenarchitektur, bei dem runde Türme zunehmend eingesetzt wurden, um Angriffe besser abwehren zu können.
Der runde Donjon wurde zu einem der markantesten Bauwerke der gesamten Anlage und prägt das Erscheinungsbild Chinons bis heute. Im 14. Jahrhundert wurde er zu einem Gefängnis für einige der wichtigsten Mitglieder des Templerordens.
Auch der Tour des Chiens geht auf die von Philipp August eingeleitete Neuordnung der Festung zurück. Er wurde an der Nordseite errichtet, die während der Belagerung stark beschädigt worden war. Die hufeisenförmige Konstruktion verfügte über mehrere Geschosse mit Schießscharten und war so ausgelegt, dass die Verteidiger einen möglichst großen Bereich vor den Mauern unter Beschuss nehmen konnten.
Der Name Tour des Chiens geht allerdings nicht auf die Tiere zurück, die dort angeblich gehalten wurden. In der Nähe der Festung befand sich im 15. Jahrhundert ein königlicher Zwinger, in dem die Jagdhunde des Hofes untergebracht waren. Neben dem Turm entstanden außerdem Backöfen, die später zur Versorgung des Hofes von Karl VII. (1403–1461) und Marie d'Anjou (1404–1463) dienten.
Die Eroberung von 1205 bedeutete einen wichtigen Schritt bei der Ausweitung der französischen Königsmacht.
Der Konflikt zwischen dem französischen König und Papst Clemens V. (1264–1314) drehte sich unter anderem um die Kontrolle über den Orden und um die gegen die Templer erhobenen Vorwürfe.
Zwischen Mai und August 1308 wurden mehrere hochrangige Mitglieder des Ordens in Chinon festgehalten. Unter ihnen befand sich Jacques de Molay (um 1243–1314), der Großmeister des Templerordens.
Die Gefangenen wurden in der Tour du Coudray untergebracht. Während ihrer Gefangenschaft entstanden dort religiöse Graffiti, die bis heute erhalten sind. Darstellungen von Kreuzen, Engeln und religiösen Symbolen werden mit den in Chinon inhaftierten Templern in Verbindung gebracht.
Papst Clemens V. schickte schließlich drei Kardinäle nach Chinon, um die Gefangenen zu verhören. Das Ergebnis dieser Untersuchung wurde im sogenannten Chinon-Pergament festgehalten. Das Dokument blieb jahrhundertelang weitgehend unbekannt und wurde erst 2001 wiederentdeckt. Es zeigt, dass die führenden Templer ihre früheren Aussagen teilweise widerriefen beziehungsweise Buße taten und von den kirchlichen Vertretern wieder in die Kirche aufgenommen wurden.
Die politischen Ereignisse entwickelten sich jedoch anders. Philipp der Schöne setzte das Verfahren gegen den Orden fort und schließlich wurde der Templerorden aufgelöst. Jacques de Molay wurde 1314 in Paris auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.
Die Lage an der Grenze verschiedener historischer Herrschaftsräume machte Chinon erneut zu einem strategisch wichtigen Ort. Die Festung konnte als Rückzugsort, militärischer Stützpunkt und königliche Residenz genutzt werden.
Unter Ludwig I. von Anjou (1339–1384) begann um 1370 der Ausbau der königlichen Wohngebäude im mittleren Bereich der Festung. Zu den auffälligsten Bauwerken gehört der Tour de l'Horloge, der Uhrturm. Er bildet den Zugang zum Château du Milieu und war im Mittelalter durch einen Wassergraben, eine Zugbrücke und eine zusätzliche Zugvorrichtung geschützt. Seinen heutigen Namen verdankt er der monumentalen Uhr, die sich seit 1399 in dem Turm befindet. Die dazugehörige Glocke gehört zu den vier ältesten Glocken der Touraine und ist unter dem Namen Marie-Javelle bekannt. Die Glocke wurde im Auftrag des französischen Königs Karl VI. (1368–1422) gegossen. Das noch erhaltene Uhrwerk ist jünger als die Glocke und stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Ursprünglich wurde der Mechanismus durch zwei schwere Steingewichte angetrieben, die täglich von Hand wieder hochgezogen werden mussten. Eines dieser Gewichte ist noch erhalten.
Die Ausbauarbeiten wurden im 15. Jahrhundert unter Karl VII. und seiner Ehefrau Marie d’Anjou fortgeführt. Die sogenannten Logis royaux bildeten ursprünglich mehrere Gebäude, die einen Innenhof umschlossen. Heute ist nur noch ein Teil dieser Anlage erhalten. Gerade diese königlichen Wohngebäude sind jedoch für die Geschichte Chinons besonders wichtig, weil sie mit einem der berühmtesten Ereignisse der französischen Geschichte verbunden sind.
Karl VII. hielt sich häufig in Chinon auf und machte die Festung zu einem seiner wichtigsten Aufenthaltsorte. 1429 befand sich Frankreich mitten im Hundertjährigen Krieg. Große Teile des Landes waren von englischen und burgundischen Truppen kontrolliert und der französische Thronfolger Karl VII. verfügte zwar über den Anspruch auf die Krone, seine tatsächliche Macht war jedoch stark eingeschränkt. Jeanne d'Arc (1412–1431) kam im Februar 1429 zur Festung, um den Dauphin Karl VII. davon zu überzeugen, dass sie ihm bei der Befreiung Frankreichs helfen könne. Sie war überzeugt, von Gott dazu berufen worden zu sein, den französischen Thronfolger zu unterstützen und Frankreich von der englischen Herrschaft zu befreien. Nach ihrer Ankunft in Chinon wurde sie zunächst geprüft und schließlich zum Dauphin vorgelassen, bevor sie nach Poitiers geschickt wurde, wo ihre Aussagen und ihre Glaubwürdigkeit durch Geistliche geprüft wurden.
Jeanne d'Arc erhielt schließlich die Erlaubnis, sich dem französischen Heer anzuschließen. Wenig später führte ihr Weg nach Orléans, wo die englische Belagerung aufgehoben wurde. Die Erfolge von Orléans stärkten die Stellung Karls VII. und ermöglichten schließlich seine Krönung am 17. Juli 1429 zum König von Frankreich in Reims. Die Begegnung zwischen Jeanne d'Arc und Karl VII. wurde später als die sogenannte Reconnaissance bekannt.

Die Königin ließ die Anlage verschönern und umfangreiche Arbeiten durchführen. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits vierzehn Kinder zur Welt gebracht und verbrachte ihre letzten Jahre teilweise in Chinon. Zwei ihrer jüngsten Kinder wurden hier geboren.
Auch die Architektur der Festung veränderte sich in dieser Zeit. Die repräsentativen königlichen Wohnräume wurden wichtiger, während die rein militärische Funktion allmählich in den Hintergrund trat. Der Hof benötigte Räume für das tägliche Leben, für Verwaltung und Repräsentation und für die Versorgung einer großen Zahl von Menschen.
In den folgenden Jahren bevorzugten die französischen Könige zunehmend komfortablere und repräsentativere Schlösser, die weniger auf Verteidigung und stärker auf höfische Repräsentation ausgerichtet waren. Die Entwicklung der Artillerie machte außerdem viele ältere mittelalterliche Festungen militärisch weniger wertvoll.
Ganz aufgegeben wurde Chinon zunächst jedoch nicht. Eine kleine Garnison blieb zurück und die Festung wurde unter anderem als Waffenlager genutzt. Im 16. Jahrhundert war Claude Gouffier de Boisy (1482–1570) lange Zeit als Hauptmann der Festung tätig. Sein Vater Artus Gouffier de Boisy (1475–1519) hatte zuvor ebenfalls eine bedeutende Stellung am Hof innegehabt und war unter anderem Großmeister von Frankreich und Erzieher des späteren Königs Franz I. (1494–1547).
Der Tour de Boissy erinnert heute an Claude Gouffier de Boisy. Er stammt zwar aus dem 13. Jahrhundert und hieß ursprünglich Tour du Beffroy, doch die Veränderungen, die unter Claude Gouffier vorgenommen wurden, führten dazu, dass er später seinen heutigen Namen erhielt.
Auch die militärische Architektur wurde an die neuen Bedingungen angepasst. Der Tour d'Argenton entstand vermutlich im späten 15. Jahrhundert und war bereits auf die zunehmende Bedeutung der Pulverartillerie ausgelegt. Ihre starken Mauern und die teilweise unterirdisch angelegten Geschosse sollten den neuen Geschützen besser standhalten. Auf ihrer Terrasse sind heute kleine Kanonen aus dem späten 16. Jahrhundert zu sehen.
Kurz darauf gelangte Chinon in den Besitz von Kardinal Richelieu (1585–1642), der die Seigneurie von Chinon 1630 erwarb und damit auch zum Besitzer der Festung wurde. Seine Familie beziehungsweise die Herzöge von Richelieu blieben bis zur Französischen Revolution Eigentümer. Mit der Französischen Revolution wurde die Festung als Besitz der Familie Richelieu eingezogen und zum Nationalgut erklärt. Die großen mittelalterlichen Gebäude waren zu diesem Zeitpunkt bereits teilweise Ruinen.
Das Gelände wurde anschließend unter verschiedene Privatbesitzer aufgeteilt. Häuser wurden an die alten Mauern gebaut und in den Felsen wurden Keller angelegt. Teile der historischen Mauern dienten als Steinbruch und die Anlage sollte sogar abgetragen werden, um das gewonnene Baumaterial für einen provisorischen Brückenbau zu verwenden.
Im 19. Jahrhundert wuchs das Interesse an der mittelalterlichen Vergangenheit Frankreichs wieder deutlich. Historische Burgen wurden nun zunehmend als Zeugnisse der nationalen Geschichte wahrgenommen und nicht mehr ausschließlich als veraltete Militäranlagen betrachtet.
1840 wurde die Festung von Chinon als Monument historique unter Schutz gestellt. Trotzdem blieb ihr Zustand gefährlich. Noch 1854 verlangte die Stadtverwaltung wegen der baufälligen Gebäude deren Abriss.
Der französische Schriftsteller und Denkmalschützer Prosper Mérimée (1803–1870), der als Generalinspektor der historischen Denkmäler tätig war, setzte sich jedoch für den Erhalt der Festung ein. Sein Eingreifen verhinderte den geplanten Abriss und führte dazu, dass erste staatliche Mittel für die Restaurierung bereitgestellt wurden.
Sie besteht heute aus drei miteinander verbundenen Bereichen, die das Ergebnis der langen Entwicklung der Anlage sind. Im westlichen Bereich befindet sich das Fort du Coudray, in der Mitte das Château du Milieu und im Osten das Fort Saint-Georges.
Die Festung ist kein klassisches Loire-Schloss und gerade deshalb eine besonders interessante Ergänzung zu den bekannten Schlössern der Region. Wer von Villandry, Amboise oder Cheverny vor allem elegante Renaissancearchitektur und prachtvolle Gärten erwartet, erlebt in Chinon eine völlig andere Welt. Hier stehen die mächtigen mittelalterlichen Mauern, die Türme und die wechselvolle Geschichte im Vordergrund.
Heute gehört die Festung dem Département Indre-et-Loire und präsentiert sich wieder als eines der bedeutendsten mittelalterlichen Monumente der Region.
Forteresse royale de Chinon
4 rue du Château, 37500 Chinon
Anreise
Von Tours sind es etwa 40 Minuten. Über die A85, Ausfahrt Nr. 9 „Chinon“, anschließend über die D751. Von Paris dauert die Fahrt ungefähr 2,5 Stunden.
Kostenlose Parkplätze gibt es ganz in der Nähe. Auf dem Hauptparkplatz an der Avenue François Mitterrand gibt es außerdem Ladestationen für Elektroautos.
Tarife
Normaltarif: 12,50€, ermäßigt: 10,50 €
Kinder unter sieben Jahren haben freien Eintritt.
Der ermäßigte Tarif gilt für Kinder zwischen 7 und 18 Jahren, sowie Studierende.
Das HistoPad (Tablet) ist normalerweise im Eintrittspreis enthalten (je nach Verfügbarkeit).
Internetseite
https://forteressechinon.fr/
Heinrich II. Plantagenet machte Chinon zu einem wichtigen Zentrum seiner kontinentalen Besitzungen und verbrachte hier einen Teil seiner letzten Lebensjahre. Nach der Eroberung durch Philipp II. August wurde die Festung zu einem wichtigen Stützpunkt der französischen Krone.
Jahrhunderte später wurde Chinon erneut zum Schauplatz eines Ereignisses von außergewöhnlicher Bedeutung. 1429 traf Jeanne d’Arc hier auf den französischen Thronfolger Karl, den späteren König Karl VII. Die Begegnung steht bis heute im Mittelpunkt der Geschichte der Festung und gehört zu den bekanntesten Episoden aus der Zeit des Hundertjährigen Krieges. Sie gehört zu den wenigen großen mittelalterlichen Festungen im Loiretal, die bis heute in dieser Form erhalten geblieben sind.
Die Anfänge der Festung
Die Geschichte des Felsens von Chinon reicht wesentlich weiter zurück als die mittelalterliche Festung. Der Platz war bereits seit ungefähr 3000 Jahren besiedelt und seine strategische Bedeutung ergibt sich unmittelbar aus seiner Lage. Der hoch über der Vienne gelegene Felsen bot Schutz und erlaubte zugleich die Kontrolle wichtiger Verkehrswege. Der Fluss mündet nur wenige Kilometer weiter westlich in die Loire und stellte bereits in der Antike einen bedeutenden Verkehrsweg dar.Gegen Ende des Römischen Reiches wurde der Felsvorsprung befestigt. Die Befestigung bestand auch während der folgenden Jahrhunderte weiter und wurde während der merowingischen und karolingischen Zeit genutzt. Archäologische Untersuchungen haben unter anderem große unterirdische Speicher und Wirtschaftsgebäude aus dieser Epoche ans Licht gebracht. Im 7. und 8. Jahrhundert befand sich in Chinon sogar eine königliche Münzstätte, bevor zwischen 920 und 954 wegen der weiterhin bestehenden Bedrohung durch die Wikinger die Münzstätte von Tours hierher verlegt wurde.
Im 10. Jahrhundert gelangte Chinon in den Besitz der Grafen von Blois. Thibaud I. von Blois, genannt Thibaud der Betrüger (um 910–um 975), ließ 954 den ersten steinernen Turm der späteren Festung errichten. Dieser neue Turm wurde von einer eigenen Mauer umgeben und damit von dem älteren befestigten Bereich getrennt. Von dieser ersten steinernen Burg ist heute kaum noch etwas zu erkennen, doch sie bildete einen wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung der Festung.
1044 ging Chinon an die Grafen von Anjou über. Damit begann eine Entwicklung, die den Ort schließlich in das Herrschaftsgebiet der Plantagenêts führte und aus der Burg einen der bedeutendsten Machtorte des mittelalterlichen Westfrankreichs machte.
Chinon unter den Plantagenêts
Die große Zeit der Festung begann im 12. Jahrhundert mit Heinrich II. Plantagenêt (1133–1189). Als Herzog der Normandie, Graf von Anjou und Maine und später als König von England beherrschte Heinrich II. ein riesiges Reich, das sich über große Teile Frankreichs und die britischen Inseln erstreckte. Durch seine Ehe mit Eleonore von Aquitanien (1122/1124–1204) kamen weitere bedeutende Gebiete unter seine Kontrolle. Chinon lag ungefähr im Zentrum seiner kontinentalen Besitzungen und entwickelte sich zu einer seiner wichtigsten Residenzen.Heinrich II. machte Chinon zu einem politischen und administrativen Zentrum seines Reiches. Besonders bedeutend war dabei der Ausbau des östlichen Teils des Felsplateaus, des heutigen Fort Saint-Georges. Archäologische Ausgrabungen, die zwischen 2003 und 2010 durchgeführt wurden, brachten hier die Überreste eines bis dahin weitgehend unbekannten Plantagenêt-Palastes ans Licht, der um 1160 unter Heinrich II. errichtet worden war, der sich hier regelmäßig aufhielt. Die Entdeckung ist für die Geschichte der Festung von großer Bedeutung, da nur sehr wenige Paläste aus dieser Zeit archäologisch so gut nachgewiesen werden können.
Der Palast war wesentlich größer, als man aufgrund der heute sichtbaren Ruinen zunächst vermuten würde. Ein langgestrecktes Hauptgebäude verlief parallel zur Vienne und beherbergte im ersten Stock die große Halle, in der Heinrich II. öffentliche Audienzen abhielt. An das Hauptgebäude schlossen sich mehrere Seitenflügel an, in denen sich die privaten Räume und weitere Nebenbereiche befanden. Eine eigene Kapelle gehörte ebenfalls zu dem Palastkomplex. Die verschiedenen Gebäude waren um mehrere Innenhöfe angeordnet und von einer eigenen Befestigungsmauer umgeben, deren Reste noch heute auf dem Gelände des Fort Saint-Georges zu erkennen sind.
Auch ein königlicher Schatz wurde in Chinon aufbewahrt. Heinrich II. ließ dafür die sogenannte Tour du Trésor errichten. Dabei handelte es sich nicht einfach um einen Tresor im modernen Sinn, denn zum königlichen Schatz gehörten vor allem Urkunden, Schriftstücke und andere Dokumente, die für die Verwaltung des Reiches von großer Bedeutung waren. Die erhaltenen Räume des Turms besitzen noch heute ihre Gewölbe und geben einen Eindruck von der Funktion dieses ungewöhnlichen Gebäudes.
Heinrich II. konnte in Chinon damit sowohl seine politische Macht als auch seine militärische Kontrolle über die Region demonstrieren.
Eleonore von Aquitanien und die Familie Plantagenêt
Eleonore von Aquitanien war eine der einflussreichsten Frauen des europäischen Mittelalters. Sie war zunächst mit dem französischen König Ludwig VII. (1120–1180) verheiratet gewesen, bevor die Ehe annulliert wurde. Nur wenige Wochen später heiratete sie Heinrich II. Plantagenêt der bald darauf König von England wurde.Die Ehe zwischen Heinrich und Eleonore war politisch außerordentlich bedeutend, aber keineswegs frei von Konflikten. Das Verhältnis zwischen dem König und seinen Söhnen verschlechterte sich zunehmend, da diese eine größere Beteiligung an der Herrschaft über die verschiedenen Gebiete des Plantagenêt-Reiches verlangten. 1173 kam es schließlich zu einer offenen Rebellion.
Eleonore unterstützte ihre Söhne in diesem Konflikt. Heinrich II. ließ sie daraufhin festsetzen und zunächst in Chinon gefangen halten, bevor sie nach England gebracht wurde und dort über viele Jahre unter strenger Bewachung stand.
Die letzten Lebensjahre Heinrichs II. waren von weiteren Konflikten mit seinen Söhnen Richard Löwenherz (1157–1199) und Johann Ohneland (1166–1216) geprägt, die Unterstützung bei Philipp II. August (1165–1223), dem französischen König, suchten. Der französische König nutzte die inneren Konflikte der Plantagenet-Familie, um den französischen Einfluss auf die Gebiete der englischen Krone in Frankreich zu vergrößern. Heinrich II. geriet dadurch zunehmend unter militärischen und politischen Druck.
Als Heinrich II. 1189 schwer erkrankte und sich auf der Flucht vor seinem Gegner Philipp II. August befand, zog er sich nach Chinon zurück. Hier starb er am 6. Juli 1189 in der Kapelle Saint-Melaine, deren ehemaliger Standort heute durch eine Gedenktafel markiert wird. Sein Leichnam wurde anschließend in die Abtei Fontevraud gebracht. Dort entstand später die berühmte Grablege der Plantagenets, in der auch Eleonore von Aquitanien und Richard Löwenherz beigesetzt wurden.
Richard Löwenherz und Johann Ohneland
Nach dem Tod Heinrichs II. übernahm zunächst Richard Löwenherz die englische Krone. Auch für ihn blieb Chinon von großer Bedeutung und er ließ ihre Verteidigungsanlagen weiter ausbauen. Zu den Bauwerken dieser Zeit gehört der Tour du Moulin, der ab etwa 1190 auf der westlichen Spitze des Felsens errichtet wurde. Im Inneren befinden sich unter anderem Gewölbe und Schießscharten, während die oberen Geschosse einen weiten Blick über das Gelände ermöglichten.Richard Löwenherz starb bereits 1199 während der Belagerung der Burg Châlus im Limousin. Sein Bruder Johann Ohneland folgte ihm auf den englischen Thron und erkannte die strategische Bedeutung Chinons. Er investierte erhebliche Mittel in die Verstärkung der Festung.
Die politische Situation hatte sich inzwischen jedoch deutlich verschlechtert. Philipp II. August nutzte die Schwächung der Plantagenet-Herrschaft und ging systematisch gegen die englischen Besitzungen in Frankreich vor. Nach der Eroberung der Normandie wandte er sich der Touraine zu und nahm schließlich Chinon ins Visier.
Die Belagerung von 1205
Im Herbst 1204 begannen die französischen Truppen mit der Belagerung der Festung. Die Verteidiger standen unter dem Kommando von Hubert de Burgh (um 1170–1243), dem Connétable von Chinon, der die Anlage trotz der schwierigen Situation entschlossen verteidigte. Die Festung war jedoch durch die ausgedehnten Kämpfe zunehmend geschwächt und die Versorgungslage wurde immer schwieriger. Nach neun Monaten fiel Chinon schließlich am 23. Juni 1205 an Philipp II. August.Nach seinem Sieg ließ Philipp August die Verteidigungsanlagen umfassend erneuern. Eine seiner wichtigsten Baumaßnahmen war die Errichtung des mächtigen Tour du Coudray, der auf mehreren Ebenen mit Schießscharten ausgestattet war und über besonders gesicherte Zugänge verfügte. Eine doppelte Fallgatteranlage, eine Zugbrücke und eine Öffnung im Eingangsbereich ermöglichten die Kontrolle des Zugangs. Er war damit nicht nur ein Wehrturm, sondern ein wichtiger Bestandteil des gesamten Verteidigungssystems. Seine massive Konstruktion zeigt deutlich den Wandel der mittelalterlichen Burgenarchitektur, bei dem runde Türme zunehmend eingesetzt wurden, um Angriffe besser abwehren zu können.
Der runde Donjon wurde zu einem der markantesten Bauwerke der gesamten Anlage und prägt das Erscheinungsbild Chinons bis heute. Im 14. Jahrhundert wurde er zu einem Gefängnis für einige der wichtigsten Mitglieder des Templerordens.
Auch der Tour des Chiens geht auf die von Philipp August eingeleitete Neuordnung der Festung zurück. Er wurde an der Nordseite errichtet, die während der Belagerung stark beschädigt worden war. Die hufeisenförmige Konstruktion verfügte über mehrere Geschosse mit Schießscharten und war so ausgelegt, dass die Verteidiger einen möglichst großen Bereich vor den Mauern unter Beschuss nehmen konnten.
Der Name Tour des Chiens geht allerdings nicht auf die Tiere zurück, die dort angeblich gehalten wurden. In der Nähe der Festung befand sich im 15. Jahrhundert ein königlicher Zwinger, in dem die Jagdhunde des Hofes untergebracht waren. Neben dem Turm entstanden außerdem Backöfen, die später zur Versorgung des Hofes von Karl VII. (1403–1461) und Marie d'Anjou (1404–1463) dienten.
Die Eroberung von 1205 bedeutete einen wichtigen Schritt bei der Ausweitung der französischen Königsmacht.
Chinon und die Templer
Im Jahr 1308 wurde Chinon erneut zum Schauplatz eines europaweit bedeutenden politischen Konflikts. Der französische König Philipp IV. der Schöne (1268–1314) hatte den Templerorden verfolgen lassen und die Verhaftung seiner Mitglieder angeordnet.Der Konflikt zwischen dem französischen König und Papst Clemens V. (1264–1314) drehte sich unter anderem um die Kontrolle über den Orden und um die gegen die Templer erhobenen Vorwürfe.
Zwischen Mai und August 1308 wurden mehrere hochrangige Mitglieder des Ordens in Chinon festgehalten. Unter ihnen befand sich Jacques de Molay (um 1243–1314), der Großmeister des Templerordens.
Die Gefangenen wurden in der Tour du Coudray untergebracht. Während ihrer Gefangenschaft entstanden dort religiöse Graffiti, die bis heute erhalten sind. Darstellungen von Kreuzen, Engeln und religiösen Symbolen werden mit den in Chinon inhaftierten Templern in Verbindung gebracht.
Papst Clemens V. schickte schließlich drei Kardinäle nach Chinon, um die Gefangenen zu verhören. Das Ergebnis dieser Untersuchung wurde im sogenannten Chinon-Pergament festgehalten. Das Dokument blieb jahrhundertelang weitgehend unbekannt und wurde erst 2001 wiederentdeckt. Es zeigt, dass die führenden Templer ihre früheren Aussagen teilweise widerriefen beziehungsweise Buße taten und von den kirchlichen Vertretern wieder in die Kirche aufgenommen wurden.
Die politischen Ereignisse entwickelten sich jedoch anders. Philipp der Schöne setzte das Verfahren gegen den Orden fort und schließlich wurde der Templerorden aufgelöst. Jacques de Molay wurde 1314 in Paris auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.
Chinon im Hundertjährigen Krieg
Im Laufe des 14. Jahrhunderts blieb die Festung ein bedeutender königlicher Besitz. Die politischen Verhältnisse Frankreichs waren jedoch zunehmend von den Konflikten geprägt, die schließlich in den Hundertjährigen Krieg mündeten.Die Lage an der Grenze verschiedener historischer Herrschaftsräume machte Chinon erneut zu einem strategisch wichtigen Ort. Die Festung konnte als Rückzugsort, militärischer Stützpunkt und königliche Residenz genutzt werden.
Unter Ludwig I. von Anjou (1339–1384) begann um 1370 der Ausbau der königlichen Wohngebäude im mittleren Bereich der Festung. Zu den auffälligsten Bauwerken gehört der Tour de l'Horloge, der Uhrturm. Er bildet den Zugang zum Château du Milieu und war im Mittelalter durch einen Wassergraben, eine Zugbrücke und eine zusätzliche Zugvorrichtung geschützt. Seinen heutigen Namen verdankt er der monumentalen Uhr, die sich seit 1399 in dem Turm befindet. Die dazugehörige Glocke gehört zu den vier ältesten Glocken der Touraine und ist unter dem Namen Marie-Javelle bekannt. Die Glocke wurde im Auftrag des französischen Königs Karl VI. (1368–1422) gegossen. Das noch erhaltene Uhrwerk ist jünger als die Glocke und stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Ursprünglich wurde der Mechanismus durch zwei schwere Steingewichte angetrieben, die täglich von Hand wieder hochgezogen werden mussten. Eines dieser Gewichte ist noch erhalten.
Die Ausbauarbeiten wurden im 15. Jahrhundert unter Karl VII. und seiner Ehefrau Marie d’Anjou fortgeführt. Die sogenannten Logis royaux bildeten ursprünglich mehrere Gebäude, die einen Innenhof umschlossen. Heute ist nur noch ein Teil dieser Anlage erhalten. Gerade diese königlichen Wohngebäude sind jedoch für die Geschichte Chinons besonders wichtig, weil sie mit einem der berühmtesten Ereignisse der französischen Geschichte verbunden sind.
Karl VII. hielt sich häufig in Chinon auf und machte die Festung zu einem seiner wichtigsten Aufenthaltsorte. 1429 befand sich Frankreich mitten im Hundertjährigen Krieg. Große Teile des Landes waren von englischen und burgundischen Truppen kontrolliert und der französische Thronfolger Karl VII. verfügte zwar über den Anspruch auf die Krone, seine tatsächliche Macht war jedoch stark eingeschränkt. Jeanne d'Arc (1412–1431) kam im Februar 1429 zur Festung, um den Dauphin Karl VII. davon zu überzeugen, dass sie ihm bei der Befreiung Frankreichs helfen könne. Sie war überzeugt, von Gott dazu berufen worden zu sein, den französischen Thronfolger zu unterstützen und Frankreich von der englischen Herrschaft zu befreien. Nach ihrer Ankunft in Chinon wurde sie zunächst geprüft und schließlich zum Dauphin vorgelassen, bevor sie nach Poitiers geschickt wurde, wo ihre Aussagen und ihre Glaubwürdigkeit durch Geistliche geprüft wurden.
Jeanne d'Arc erhielt schließlich die Erlaubnis, sich dem französischen Heer anzuschließen. Wenig später führte ihr Weg nach Orléans, wo die englische Belagerung aufgehoben wurde. Die Erfolge von Orléans stärkten die Stellung Karls VII. und ermöglichten schließlich seine Krönung am 17. Juli 1429 zum König von Frankreich in Reims. Die Begegnung zwischen Jeanne d'Arc und Karl VII. wurde später als die sogenannte Reconnaissance bekannt.
Marie d'Anjou und die letzten Jahre des Königshofs
Nach der entscheidenden Phase des Hundertjährigen Krieges verlor Chinon allmählich seine Bedeutung als politisches Zentrum. Dennoch blieb die Festung für die königliche Familie wichtig. Marie d'Anjou zog sich 1454 nach Chinon zurück, nachdem ihr Ehemann ihr die Herrschaft über die Festung und die dazugehörige Seigneurie übertragen hatte.Die Königin ließ die Anlage verschönern und umfangreiche Arbeiten durchführen. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits vierzehn Kinder zur Welt gebracht und verbrachte ihre letzten Jahre teilweise in Chinon. Zwei ihrer jüngsten Kinder wurden hier geboren.
Auch die Architektur der Festung veränderte sich in dieser Zeit. Die repräsentativen königlichen Wohnräume wurden wichtiger, während die rein militärische Funktion allmählich in den Hintergrund trat. Der Hof benötigte Räume für das tägliche Leben, für Verwaltung und Repräsentation und für die Versorgung einer großen Zahl von Menschen.
Die Festung in der Renaissance
Auch gegen Ende des Mittelalters blieb Chinon mit der französischen Monarchie verbunden. 1498 kam Cesare Borgia (1475–1507) nach Chinon, um König Ludwig XII. (1462–1515) die päpstliche Genehmigung für die Auflösung seiner Ehe mit Jeanne de France (1464–1505) zu überbringen. Nach der Aufhebung der Ehe konnte Ludwig XII. Anne de Bretagne (1477–1514), die Witwe seines Vorgängers Karl VIII. (1470–1498), heiraten. Die Verbindung war politisch von großer Bedeutung, da sie die enge Bindung der Bretagne an die französische Krone weiter festigte.In den folgenden Jahren bevorzugten die französischen Könige zunehmend komfortablere und repräsentativere Schlösser, die weniger auf Verteidigung und stärker auf höfische Repräsentation ausgerichtet waren. Die Entwicklung der Artillerie machte außerdem viele ältere mittelalterliche Festungen militärisch weniger wertvoll.
Ganz aufgegeben wurde Chinon zunächst jedoch nicht. Eine kleine Garnison blieb zurück und die Festung wurde unter anderem als Waffenlager genutzt. Im 16. Jahrhundert war Claude Gouffier de Boisy (1482–1570) lange Zeit als Hauptmann der Festung tätig. Sein Vater Artus Gouffier de Boisy (1475–1519) hatte zuvor ebenfalls eine bedeutende Stellung am Hof innegehabt und war unter anderem Großmeister von Frankreich und Erzieher des späteren Königs Franz I. (1494–1547).
Der Tour de Boissy erinnert heute an Claude Gouffier de Boisy. Er stammt zwar aus dem 13. Jahrhundert und hieß ursprünglich Tour du Beffroy, doch die Veränderungen, die unter Claude Gouffier vorgenommen wurden, führten dazu, dass er später seinen heutigen Namen erhielt.
Auch die militärische Architektur wurde an die neuen Bedingungen angepasst. Der Tour d'Argenton entstand vermutlich im späten 15. Jahrhundert und war bereits auf die zunehmende Bedeutung der Pulverartillerie ausgelegt. Ihre starken Mauern und die teilweise unterirdisch angelegten Geschosse sollten den neuen Geschützen besser standhalten. Auf ihrer Terrasse sind heute kleine Kanonen aus dem späten 16. Jahrhundert zu sehen.
Der Bedeutungsverlust und die Rettung der Festung
Während im Loiretal unter Franz I. prachtvolle Renaissancebauten wie Chambord entstanden und zahlreiche Angehörige des Hofes neue Residenzen errichteten, verlor die mittelalterliche Festung von Chinon allmählich ihre frühere Bedeutung und begann langsam zu verfallen. Inventare aus dem frühen 17. Jahrhundert beschreiben bereits einen sehr schlechten Zustand. 1628 ordnete König Ludwig XIII. (1601–1643) sogar die Zerstörung der Festung an, weil die Unterhaltung der alten Anlage zu teuer geworden war. Der Abriss wurde jedoch nicht ausgeführt.Kurz darauf gelangte Chinon in den Besitz von Kardinal Richelieu (1585–1642), der die Seigneurie von Chinon 1630 erwarb und damit auch zum Besitzer der Festung wurde. Seine Familie beziehungsweise die Herzöge von Richelieu blieben bis zur Französischen Revolution Eigentümer. Mit der Französischen Revolution wurde die Festung als Besitz der Familie Richelieu eingezogen und zum Nationalgut erklärt. Die großen mittelalterlichen Gebäude waren zu diesem Zeitpunkt bereits teilweise Ruinen.
Das Gelände wurde anschließend unter verschiedene Privatbesitzer aufgeteilt. Häuser wurden an die alten Mauern gebaut und in den Felsen wurden Keller angelegt. Teile der historischen Mauern dienten als Steinbruch und die Anlage sollte sogar abgetragen werden, um das gewonnene Baumaterial für einen provisorischen Brückenbau zu verwenden.
Im 19. Jahrhundert wuchs das Interesse an der mittelalterlichen Vergangenheit Frankreichs wieder deutlich. Historische Burgen wurden nun zunehmend als Zeugnisse der nationalen Geschichte wahrgenommen und nicht mehr ausschließlich als veraltete Militäranlagen betrachtet.
1840 wurde die Festung von Chinon als Monument historique unter Schutz gestellt. Trotzdem blieb ihr Zustand gefährlich. Noch 1854 verlangte die Stadtverwaltung wegen der baufälligen Gebäude deren Abriss.
Der französische Schriftsteller und Denkmalschützer Prosper Mérimée (1803–1870), der als Generalinspektor der historischen Denkmäler tätig war, setzte sich jedoch für den Erhalt der Festung ein. Sein Eingreifen verhinderte den geplanten Abriss und führte dazu, dass erste staatliche Mittel für die Restaurierung bereitgestellt wurden.
Chinon als Zeugnis der französischen Geschichte
Kaum eine andere Festung im Loiretal verbindet so viele unterschiedliche Kapitel der französischen Geschichte miteinander.Sie besteht heute aus drei miteinander verbundenen Bereichen, die das Ergebnis der langen Entwicklung der Anlage sind. Im westlichen Bereich befindet sich das Fort du Coudray, in der Mitte das Château du Milieu und im Osten das Fort Saint-Georges.
Die Festung ist kein klassisches Loire-Schloss und gerade deshalb eine besonders interessante Ergänzung zu den bekannten Schlössern der Region. Wer von Villandry, Amboise oder Cheverny vor allem elegante Renaissancearchitektur und prachtvolle Gärten erwartet, erlebt in Chinon eine völlig andere Welt. Hier stehen die mächtigen mittelalterlichen Mauern, die Türme und die wechselvolle Geschichte im Vordergrund.
Heute gehört die Festung dem Département Indre-et-Loire und präsentiert sich wieder als eines der bedeutendsten mittelalterlichen Monumente der Region.
Nützliche Informationen
AdresseForteresse royale de Chinon
4 rue du Château, 37500 Chinon
Anreise
Von Tours sind es etwa 40 Minuten. Über die A85, Ausfahrt Nr. 9 „Chinon“, anschließend über die D751. Von Paris dauert die Fahrt ungefähr 2,5 Stunden.
Kostenlose Parkplätze gibt es ganz in der Nähe. Auf dem Hauptparkplatz an der Avenue François Mitterrand gibt es außerdem Ladestationen für Elektroautos.
Tarife
Normaltarif: 12,50€, ermäßigt: 10,50 €
Kinder unter sieben Jahren haben freien Eintritt.
Der ermäßigte Tarif gilt für Kinder zwischen 7 und 18 Jahren, sowie Studierende.
Das HistoPad (Tablet) ist normalerweise im Eintrittspreis enthalten (je nach Verfügbarkeit).
Internetseite
https://forteressechinon.fr/