Zwischen Compiègne und Soissons liegt im Département Aisne der kleine Ort Blérancourt. Hier befindet sich ein außergewöhnlicher Ort, dessen Geschichte weit über die Grenzen der Picardie hinausweist. Das Château de Blérancourt ist heute Sitz des Musée franco-américain und erzählt von den vielfältigen Beziehungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Was zunächst wie ein historisches Schloss wirkt, ist bei genauerem Hinsehen weit mehr als ein erhaltenes Baudenkmal. Hier treffen die Architektur des frühen 17. Jahrhunderts, mittelalterliche Spuren, die Französische Revolution, die amerikanische Unabhängigkeit, der Erste Weltkrieg und die Geschichte der französisch-amerikanischen Freundschaft aufeinander.

Bei den Grabungen kamen eine mittelalterliche Courtine aus dem 13. Jahrhundert, die Reste einer befestigten Anlage aus dem 14. Jahrhundert sowie eine Brücke mit vier Bögen aus dem späten 16. Jahrhundert zum Vorschein. Auch die Keller des späteren Schlosses aus dem 17. Jahrhundert konnten nachgewiesen werden. Damit lässt sich die Entwicklung des Ortes heute wesentlich genauer nachvollziehen.
Ein Teil der mittelalterlichen Befunde ist heute in die Gestaltung des Museums einbezogen. Die Überreste der Keller sind vom inneren Treppenhaus aus sichtbar, während ein Garten im Außenbereich die mittelalterlichen Strukturen hervorhebt.
Im Jahr 1595 gelangte die Herrschaft Blérancourt an Louis Potier de Gesvres († 1630), einen französischen Staatsmann und Sekretär der Könige Heinrich III. (1551–1589) und Heinrich IV. (1553–1610) Sein Sohn Bernard Potier de Gesvres († 1662) ließ ab 1612 ein neues Schloss errichten. Mit der Planung wurde der Architekt Salomon de Brosse (1571–1626) beauftragt, der später auch das Palais du Luxembourg in Paris entwerfen sollte.
Zwischen 1612 und 1619 entstand eine großzügige Schlossanlage, die zu den frühen Beispielen der französischen klassischen Architektur zählt. Die eigentliche Schlossanlage bestand aus einem zentralen Corps de Logis und vier freistehenden Pavillons auf einer künstlich angelegten Terrasse. Der dreigeschossige Hauptbau war mit den klassischen Säulenordnungen gegliedert. Im Erdgeschoss dominierte die dorische Ordnung, darüber die ionische Ordnung, das oberste Geschoss durch Pilaster geprägt war.
Ein monumentales Tor und eine Brücke führten über die Gräben zum Schloss. Rund um die Gebäude erstreckte sich ein weitläufiger Garten mit regelmäßigen Alleen, geometrischen Beeten, Wasserbecken und Fontänen. Die beiden heute noch erhaltenen Pavillons gehören zu den interessantesten Teilen der ursprünglichen Anlage. Ihre freistehende Stellung war für die französische Schlossarchitektur dieser Zeit eine architektonische Besonderheit und verlieh der Anlage eine Eleganz, die bereits auf die späteren Lustschlösser Frankreichs vorauswies.

1782 wurde das Gut schließlich verkauft. Nur wenige Jahre später veränderte die Französische Revolution das Schicksal des Schlosses grundlegend.
Blérancourt wurde als Nationalgut beschlagnahmt und anschließend verkauft. Während das Hauptgebäude fast vollständig abgetragen wurde , versteigerte man die Dekorationen und wiederverwendbare Baumaterialien. Von der einst weitläufigen Anlage blieben vor allem das monumentale Eingangsportal und die beiden Pavillons erhalten.
Aus der repräsentativen Residenz eines französischen Adelsgeschlechts war eine Ruine geworden und der einst bedeutende Herrensitz geriet zunehmend in Vergessenheit.
Doch ausgerechnet die Ereignisse des 20. Jahrhunderts sollten dem Ort eine völlig neue Bedeutung geben.

1917 kam Anne Tracy Morgan (1873–1952), Tochter des amerikanischen Bankiers John Pierpont Morgan (1837–1913), nach Blérancourt. Sie hatte sich bereits seit 1914 für die französische Zivilbevölkerung engagiert und die französische Armee stellte ihr 1917 das Anwesen in Blérancourt zur Verfügung, das sie als Ausgangspunkt für ihre humanitäre Arbeit nutzen konnte. Gemeinsam mit ihrer Freundin, der Ärztin Anne Murray Dike (1878–1929), wurde sie zur treibenden Kraft des Comité Américain pour les Régions Dévastées, kurz CARD.
Die überwiegend aus Frauen bestehenden Teams des CARD verteilten Kleidung, Decken, Küchengeräte, landwirtschaftliche Werkzeuge, Saatgut und Vieh. Dafür verfügte die Organisation über einen eigenen Fuhrpark mit zahlreichen amerikanischen Fahrerinnen. Die Helferinnen kümmerten sich aber nicht nur um die unmittelbare Versorgung. Sie unterstützten auch den Wiederaufbau der Dörfer, richteten sanitäre Einrichtungen ein und halfen beim Aufbau von Schulen und Bibliotheken.
Das Schloss wurde zum Hauptquartier dieser außergewöhnlichen Hilfsorganisation. Zwischen den Ruinen des ehemaligen Adelssitzes entstanden provisorische Baracken und die zerstörte Schlossanlage erhielt damit eine vollkommen neue Funktion.
Die Arbeit musste allerdings bereits im Frühjahr 1918 wegen der deutschen Offensive unterbrochen werden. Die amerikanischen Helferinnen verließen die Region und kehrten erst nach dem Ende der Kämpfe zurück. Dabei fanden sie das Schloss erneut schwer beschädigt vor. 1919 erwarb Anne Morgan die Ruine und begann mit dem Wiederaufbau.
Durch weitere Grundstückskäufe gelang es ihr, einen Teil des ehemaligen Schlossareals wieder zusammenzuführen.
Aus dem zerstörten Schloss sollte nun ein Ort der Erinnerung an die französisch-amerikanische Zusammenarbeit werden.
Für die Wiederherstellung der Anlage wurde der Architekt Jean Trouvelot (1897–1985) beauftragt. Zwischen 1923 und 1924 ließ Anne Morgan die Brücke, das Portal der Terrasse und die beiden erhaltenen Pavillons restaurieren. Der nördliche Pavillon wurde als Gästehaus eingerichtet. Im Untergeschoss entstanden Küche und Wirtschaftsräume, im Erdgeschoss ein großer Empfangssalon und im Obergeschoss ein Schlafzimmer mit modernem Badezimmer.
Am 24. Juli 1924 wurde die Anlage im Rahmen einer feierlichen Zeremonie eingeweiht. Anne Morgan selbst nutzte das Gästehaus noch viele Jahre und kehrte bis 1948 regelmäßig nach Blérancourt zurück.
Das Museum selbst wurde 1924 unter dem Namen Musée historique franco-américain gegründet. Sein Konzept war von Anfang an ungewöhnlich. Ursprünglich sollte es an die französische Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeit erinnern und zugleich die amerikanische Hilfe für Frankreich während des Ersten Weltkriegs dokumentieren.
Der erste Museumsbereich befand sich im südlichen Pavillon und erwies sich bald als zu klein. 1928 beschlossen die Amis de Blérancourt deshalb den Bau eines größeren Museums an der Stelle des ehemaligen Nordflügels. Dabei wurden ältere Mauern übernommen, während Gewölbe, Fassaden und architektonische Details neu geschaffen wurden. Das 1930 fertiggestellte Gebäude wurde der Erinnerung an Anne Murray Dike gewidmet.
1938 entstand an der Stelle des früheren Südflügels ein weiterer Bau. Der sogenannte Pavillon des volontaires nahm Erinnerungsstücke amerikanischer Freiwilliger aus dem Ersten Weltkrieg auf. Dazu gehörte auch ein Ambulanzfahrzeug des American Field Service.
Damit war die Grundlage für das heutige Museum geschaffen.
1989 begann die erste große Modernisierung des Museums. Die südliche Anlage wurde erweitert und mit einem neuen Gebäude ergänzt. Verantwortlich waren die Architekten Yves Lion und Alan Lewitt.
Der Neubau wurde so gestaltet, dass er sich in Volumen und Materialien an die vorhandene Architektur anpasst. Im Inneren führt der Rundgang um eine große hölzerne Ausstellungswand. Marmor und amerikanisches Sykomorenholz bestimmen die Gestaltung, während große Öffnungen den Blick auf die umgebende Landschaft freigeben. Das Gebäude erhielt später den Namen Pavillon Gould und wurde mit dem französischen Architekturpreis Équerre d’argent ausgezeichnet.
Auch die Gärten wurden in dieser Zeit neu gestaltet.
Bereits ab 1986 entstanden rund um das Schloss die Jardins du Nouveau Monde. Französische und amerikanische Landschaftsarchitekten arbeiteten gemeinsam an der Anlage. Michel Boulcourt, Madison Cox und Mark Rudkin gestalteten die ehemaligen Bereiche des Schlossgartens neu und verwendeten dabei zahlreiche Pflanzen amerikanischer Herkunft.
Doch schon 2006 reichten die vorhandenen Ausstellungsflächen nicht mehr aus und eine zweite Phase der Renovierung und Erweiterung wurde beschlossen. Yves Lion und Alan Lewitt entwickelten ein Konzept, das den historischen Pavillon und den Pavillon Gould durch einen neuen Gebäudeteil miteinander verbinden sollte. Geplant war ein langgestreckter Baukörper, der sich bis hinter die historische Terrasse erstreckt, doch während der Vorbereitungen wurden bedeutende mittelalterliche und frühneuzeitliche Baureste entdeckt. Die archäologischen Grabungen mussten deshalb bis 2013 fortgesetzt werden. Das architektonische Konzept wurde vollständig überarbeitet, damit die historischen Befunde erhalten und in den Neubau integriert werden konnten.
Erst im Herbst 2013 begannen die eigentlichen Bauarbeiten und 2017 konnte das neue Musée franco-américain schließlich eröffnet werden.
Die beiden zuvor getrennten Flügel sind heute durch einen großzügigen verglasten Bereich miteinander verbunden. Die großen Glasflächen bringen Licht in das Innere und öffnen den Blick auf die historischen Gebäudeteile und die Gärten, während in den unterirdischen Räumen die archäologischen Überreste sichtbar sind. Die Ausstellungsfläche wurde durch den Neubau verdoppelt.
Die Dauerausstellung ist in drei große Themenbereiche gegliedert. „Ideaux“ beschäftigt sich mit den Ideen von Freiheit und Demokratie und den ersten Verbindungen zwischen beiden Ländern. „Épreuves“ erzählt von den Kriegen und Krisen, in denen Franzosen und Amerikaner gemeinsam handelten. „Arts“ widmet sich den intensiven künstlerischen Beziehungen zwischen beiden Seiten des Atlantiks.
Der erste Bereich führt zu den französischen Entdeckungsreisen in Nordamerika zurück. Jean de Verrazano (1491–1528) erkundete 1524 die Atlantikküste, Jacques Cartier (1491–1557) erreichte 1534 Neufundland und den Sankt-Lorenz-Strom und René Goulaine de Laudonnière (um 1529–1574) war an französischen Expeditionen in Florida beteiligt.
Später rückt die amerikanische Unabhängigkeit in den Mittelpunkt. Die Sammlung zeigt Gemälde, Druckgrafiken, Skulpturen und historische Objekte. Dazu gehört unter anderem Jean Suau (1758–1856) mit seinem Gemälde „La France offrant la Liberté à l’Amérique“ aus dem Jahr 1784.
Das Museum besitzt zahlreiche Erinnerungsstücke und Darstellungen von Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette (1757–1834), dessen Geschichte wie kaum eine andere die Verbindung zwischen Frankreich und der jungen amerikanischen Republik verkörpert. 1777 reiste er im Alter von nur 19 Jahren nach Amerika, um die aufständischen Kolonisten im Kampf gegen Großbritannien zu unterstützen. Dort schloss er sich den Truppen von George Washington (1732–1799) an und wurde zu einem seiner engsten Vertrauten. Die Kapitulation der britischen Armee im Oktober 1781 in Yorktown wurde zu einem entscheidenden Moment des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges.
Das Musée franco-américain besitzt unter anderem eine Bronzeversion des Lafayette-Bildnisses von David d’Angers (1788–1856). Der Bestand zu Lafayette umfasst mehr als 300 Objekte und reicht von Porträts bis zu Erinnerungsstücken aus verschiedenen Phasen seines Lebens. Dazu gehören auch „Le départ de Lafayette“ von Hubert Robert (1733–1808) und „Lafayette sur son lit de mort“ von Ary Scheffer (1795–1858).
Der dritte große Sammlungsbereich widmet sich den künstlerischen Beziehungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Im 19. Jahrhundert wurde Paris zu einem wichtigen Ausbildungszentrum für amerikanische Künstler. Viele junge Maler und Bildhauer kamen nach Frankreich, um an Akademien, in privaten Ateliers oder bei bekannten Künstlern zu lernen. Auch die Künstlerkolonien von Barbizon, Auvers-sur-Oise, Giverny, Honfleur und Pont-Aven zogen amerikanische Künstler an.
Zu den Künstlern, deren Werke heute in Blérancourt gezeigt werden, gehören unter anderem Charles Sprague Pearce (1851–1914), Leo Stein (1872–1947) und zahlreiche weitere amerikanische Künstler.
Die Sammlung erzählt dabei nicht nur von amerikanischer Kunst in Frankreich. Auch französische Künstler entdeckten die Vereinigten Staaten und ihre Landschaften. Die Niagarafälle, die großen Städte und die Landschaften des amerikanischen Westens wurden zu Motiven, die in der europäischen Kunst zunehmend präsent waren.
Auch Persönlichkeiten wie Joséphine Baker (1906–1975) finden sich in den Beständen des Museums.
Ein eigener Bestand bewahrt Fotografien und Filme aus dem Leben Anne Morgans und aus der Arbeit des CARD. Diese Dokumente zeigen die Zerstörungen der Region ebenso wie die Menschen, die nach dem Krieg beim Wiederaufbau unterstützt wurden. Sie geben damit einen unmittelbaren Einblick in die humanitäre Arbeit, die von Blérancourt aus organisiert wurde.
Anne Morgan kehrte 1939 noch einmal nach Blérancourt zurück und gründete angesichts der zunehmenden politischen Spannungen das Comité Américain de Secours aux Civils. Ziel war es, Zivilisten aus dem besetzten Gebiet in Sicherheit zu bringen.
1940 musste sie Frankreich unter dem Druck der deutschen Besatzung verlassen. Sie blieb Frankreich jedoch verbunden und reiste bis zu ihrem Tod im Jahr 1952 zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Das Musée franco-américain nimmt dieses Jubiläum mit der Ausstellung „La Déclaration d’Indépendance américaine, 1776“ auf. Rund dreißig Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Druckgrafiken und kunsthandwerkliche Objekte widmen sich der Entstehung der Vereinigten Staaten. Themen sind unter anderem die Unterzeichnung der Erklärung, die amerikanischen Vertreter in Paris, französische Freiwillige, die Schlachten des Unabhängigkeitskrieges sowie die Erinnerung an seine Helden und Symbole.
Die Ausstellung wurde mit dem Label „Freedom 250 France“ ausgezeichnet. Außerdem trägt sie das Label „Hauts-de-France & États-Unis 250 ans de liens“ und ist Bestandteil des offiziellen französischen Veranstaltungsprogramms zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit.
Musée franco-américain du Château de Blérancourt
Place du Général Leclerc, 02300 Blérancourt
Anreise
über die A1, Ausfahrt 10 Richtung Noyon, anschließend über die D934.
Über die A26, Ausfahrt 12 Richtung Courbes und Soissons.
Tarife
Der Eintritt in das Museum ist kostenlos. Für die Sonderausstellung 2026 gelten die jeweils auf der Museumsseite angegebenen Bedingungen. Auch die Jardins du Nouveau Monde können kostenlos besucht werden.
Internetseite
https://museefrancoamericain.fr/
Was zunächst wie ein historisches Schloss wirkt, ist bei genauerem Hinsehen weit mehr als ein erhaltenes Baudenkmal. Hier treffen die Architektur des frühen 17. Jahrhunderts, mittelalterliche Spuren, die Französische Revolution, die amerikanische Unabhängigkeit, der Erste Weltkrieg und die Geschichte der französisch-amerikanischen Freundschaft aufeinander.
Ein Schloss zwischen Mittelalter und Klassik
Die Geschichte des Ortes reicht wesentlich weiter zurück als das heute sichtbare Schloss. Lange Zeit ging man davon aus, dass der Neubau ab 1612 auf einem bis dahin unbebauten Gelände entstand. Erst die archäologischen Untersuchungen der Jahre 2003 bis 2007 haben gezeigt, dass der Platz bereits im Mittelalter befestigt und dauerhaft genutzt wurde.Bei den Grabungen kamen eine mittelalterliche Courtine aus dem 13. Jahrhundert, die Reste einer befestigten Anlage aus dem 14. Jahrhundert sowie eine Brücke mit vier Bögen aus dem späten 16. Jahrhundert zum Vorschein. Auch die Keller des späteren Schlosses aus dem 17. Jahrhundert konnten nachgewiesen werden. Damit lässt sich die Entwicklung des Ortes heute wesentlich genauer nachvollziehen.
Ein Teil der mittelalterlichen Befunde ist heute in die Gestaltung des Museums einbezogen. Die Überreste der Keller sind vom inneren Treppenhaus aus sichtbar, während ein Garten im Außenbereich die mittelalterlichen Strukturen hervorhebt.
Im Jahr 1595 gelangte die Herrschaft Blérancourt an Louis Potier de Gesvres († 1630), einen französischen Staatsmann und Sekretär der Könige Heinrich III. (1551–1589) und Heinrich IV. (1553–1610) Sein Sohn Bernard Potier de Gesvres († 1662) ließ ab 1612 ein neues Schloss errichten. Mit der Planung wurde der Architekt Salomon de Brosse (1571–1626) beauftragt, der später auch das Palais du Luxembourg in Paris entwerfen sollte.
Zwischen 1612 und 1619 entstand eine großzügige Schlossanlage, die zu den frühen Beispielen der französischen klassischen Architektur zählt. Die eigentliche Schlossanlage bestand aus einem zentralen Corps de Logis und vier freistehenden Pavillons auf einer künstlich angelegten Terrasse. Der dreigeschossige Hauptbau war mit den klassischen Säulenordnungen gegliedert. Im Erdgeschoss dominierte die dorische Ordnung, darüber die ionische Ordnung, das oberste Geschoss durch Pilaster geprägt war.
Ein monumentales Tor und eine Brücke führten über die Gräben zum Schloss. Rund um die Gebäude erstreckte sich ein weitläufiger Garten mit regelmäßigen Alleen, geometrischen Beeten, Wasserbecken und Fontänen. Die beiden heute noch erhaltenen Pavillons gehören zu den interessantesten Teilen der ursprünglichen Anlage. Ihre freistehende Stellung war für die französische Schlossarchitektur dieser Zeit eine architektonische Besonderheit und verlieh der Anlage eine Eleganz, die bereits auf die späteren Lustschlösser Frankreichs vorauswies.
Vom Adelssitz zum Nationalgut
Die Geschichte der Familie Potier de Gesvres blieb noch über mehrere Generationen mit Blérancourt verbunden. Im Jahr 1661 gründete Bernard Potier de Gesvres in Blérancourt ein Waisenhaus. Nach seinem Tod ohne Nachkommen wechselte das Anwesen bis zum späten 18. Jahrhundert innerhalb der Familie.1782 wurde das Gut schließlich verkauft. Nur wenige Jahre später veränderte die Französische Revolution das Schicksal des Schlosses grundlegend.
Blérancourt wurde als Nationalgut beschlagnahmt und anschließend verkauft. Während das Hauptgebäude fast vollständig abgetragen wurde , versteigerte man die Dekorationen und wiederverwendbare Baumaterialien. Von der einst weitläufigen Anlage blieben vor allem das monumentale Eingangsportal und die beiden Pavillons erhalten.
Aus der repräsentativen Residenz eines französischen Adelsgeschlechts war eine Ruine geworden und der einst bedeutende Herrensitz geriet zunehmend in Vergessenheit.
Doch ausgerechnet die Ereignisse des 20. Jahrhunderts sollten dem Ort eine völlig neue Bedeutung geben.
Anne Morgan und das amerikanische Hilfswerk
Der entscheidende Wendepunkt kam während des Ersten Weltkriegs. Blérancourt lag nur wenige Kilometer von der Front entfernt und die Region Aisne wurde durch die Kämpfe schwer verwüstet.1917 kam Anne Tracy Morgan (1873–1952), Tochter des amerikanischen Bankiers John Pierpont Morgan (1837–1913), nach Blérancourt. Sie hatte sich bereits seit 1914 für die französische Zivilbevölkerung engagiert und die französische Armee stellte ihr 1917 das Anwesen in Blérancourt zur Verfügung, das sie als Ausgangspunkt für ihre humanitäre Arbeit nutzen konnte. Gemeinsam mit ihrer Freundin, der Ärztin Anne Murray Dike (1878–1929), wurde sie zur treibenden Kraft des Comité Américain pour les Régions Dévastées, kurz CARD.
Die überwiegend aus Frauen bestehenden Teams des CARD verteilten Kleidung, Decken, Küchengeräte, landwirtschaftliche Werkzeuge, Saatgut und Vieh. Dafür verfügte die Organisation über einen eigenen Fuhrpark mit zahlreichen amerikanischen Fahrerinnen. Die Helferinnen kümmerten sich aber nicht nur um die unmittelbare Versorgung. Sie unterstützten auch den Wiederaufbau der Dörfer, richteten sanitäre Einrichtungen ein und halfen beim Aufbau von Schulen und Bibliotheken.
Das Schloss wurde zum Hauptquartier dieser außergewöhnlichen Hilfsorganisation. Zwischen den Ruinen des ehemaligen Adelssitzes entstanden provisorische Baracken und die zerstörte Schlossanlage erhielt damit eine vollkommen neue Funktion.
Die Arbeit musste allerdings bereits im Frühjahr 1918 wegen der deutschen Offensive unterbrochen werden. Die amerikanischen Helferinnen verließen die Region und kehrten erst nach dem Ende der Kämpfe zurück. Dabei fanden sie das Schloss erneut schwer beschädigt vor. 1919 erwarb Anne Morgan die Ruine und begann mit dem Wiederaufbau.
Durch weitere Grundstückskäufe gelang es ihr, einen Teil des ehemaligen Schlossareals wieder zusammenzuführen.
Aus dem zerstörten Schloss sollte nun ein Ort der Erinnerung an die französisch-amerikanische Zusammenarbeit werden.
Aus den Ruinen entsteht ein Museum
Bereits 1923 gründete Anne Morgan die Vereinigung Les Amis de Blérancourt. Gemeinsam mit Anne Murray Dike begann sie, die Voraussetzungen für ein Museum zu schaffen.Für die Wiederherstellung der Anlage wurde der Architekt Jean Trouvelot (1897–1985) beauftragt. Zwischen 1923 und 1924 ließ Anne Morgan die Brücke, das Portal der Terrasse und die beiden erhaltenen Pavillons restaurieren. Der nördliche Pavillon wurde als Gästehaus eingerichtet. Im Untergeschoss entstanden Küche und Wirtschaftsräume, im Erdgeschoss ein großer Empfangssalon und im Obergeschoss ein Schlafzimmer mit modernem Badezimmer.
Am 24. Juli 1924 wurde die Anlage im Rahmen einer feierlichen Zeremonie eingeweiht. Anne Morgan selbst nutzte das Gästehaus noch viele Jahre und kehrte bis 1948 regelmäßig nach Blérancourt zurück.
Das Museum selbst wurde 1924 unter dem Namen Musée historique franco-américain gegründet. Sein Konzept war von Anfang an ungewöhnlich. Ursprünglich sollte es an die französische Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeit erinnern und zugleich die amerikanische Hilfe für Frankreich während des Ersten Weltkriegs dokumentieren.
Der erste Museumsbereich befand sich im südlichen Pavillon und erwies sich bald als zu klein. 1928 beschlossen die Amis de Blérancourt deshalb den Bau eines größeren Museums an der Stelle des ehemaligen Nordflügels. Dabei wurden ältere Mauern übernommen, während Gewölbe, Fassaden und architektonische Details neu geschaffen wurden. Das 1930 fertiggestellte Gebäude wurde der Erinnerung an Anne Murray Dike gewidmet.
1938 entstand an der Stelle des früheren Südflügels ein weiterer Bau. Der sogenannte Pavillon des volontaires nahm Erinnerungsstücke amerikanischer Freiwilliger aus dem Ersten Weltkrieg auf. Dazu gehörte auch ein Ambulanzfahrzeug des American Field Service.
Damit war die Grundlage für das heutige Museum geschaffen.
Architektur zwischen Erinnerung und Moderne
Die Geschichte des Schlosses lässt sich heute besonders gut an seiner Architektur ablesen. Die historischen Teile und die modernen Museumsbauten wurden bewusst miteinander verbunden.1989 begann die erste große Modernisierung des Museums. Die südliche Anlage wurde erweitert und mit einem neuen Gebäude ergänzt. Verantwortlich waren die Architekten Yves Lion und Alan Lewitt.
Der Neubau wurde so gestaltet, dass er sich in Volumen und Materialien an die vorhandene Architektur anpasst. Im Inneren führt der Rundgang um eine große hölzerne Ausstellungswand. Marmor und amerikanisches Sykomorenholz bestimmen die Gestaltung, während große Öffnungen den Blick auf die umgebende Landschaft freigeben. Das Gebäude erhielt später den Namen Pavillon Gould und wurde mit dem französischen Architekturpreis Équerre d’argent ausgezeichnet.
Auch die Gärten wurden in dieser Zeit neu gestaltet.
Bereits ab 1986 entstanden rund um das Schloss die Jardins du Nouveau Monde. Französische und amerikanische Landschaftsarchitekten arbeiteten gemeinsam an der Anlage. Michel Boulcourt, Madison Cox und Mark Rudkin gestalteten die ehemaligen Bereiche des Schlossgartens neu und verwendeten dabei zahlreiche Pflanzen amerikanischer Herkunft.
Doch schon 2006 reichten die vorhandenen Ausstellungsflächen nicht mehr aus und eine zweite Phase der Renovierung und Erweiterung wurde beschlossen. Yves Lion und Alan Lewitt entwickelten ein Konzept, das den historischen Pavillon und den Pavillon Gould durch einen neuen Gebäudeteil miteinander verbinden sollte. Geplant war ein langgestreckter Baukörper, der sich bis hinter die historische Terrasse erstreckt, doch während der Vorbereitungen wurden bedeutende mittelalterliche und frühneuzeitliche Baureste entdeckt. Die archäologischen Grabungen mussten deshalb bis 2013 fortgesetzt werden. Das architektonische Konzept wurde vollständig überarbeitet, damit die historischen Befunde erhalten und in den Neubau integriert werden konnten.
Erst im Herbst 2013 begannen die eigentlichen Bauarbeiten und 2017 konnte das neue Musée franco-américain schließlich eröffnet werden.
Die beiden zuvor getrennten Flügel sind heute durch einen großzügigen verglasten Bereich miteinander verbunden. Die großen Glasflächen bringen Licht in das Innere und öffnen den Blick auf die historischen Gebäudeteile und die Gärten, während in den unterirdischen Räumen die archäologischen Überreste sichtbar sind. Die Ausstellungsfläche wurde durch den Neubau verdoppelt.
Ein Museum mit drei unterschiedlichen Blickwinkeln
Das Musée franco-américain ist heute das einzige Museum in Frankreich, das sich in dieser Form den Beziehungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten widmet.Die Dauerausstellung ist in drei große Themenbereiche gegliedert. „Ideaux“ beschäftigt sich mit den Ideen von Freiheit und Demokratie und den ersten Verbindungen zwischen beiden Ländern. „Épreuves“ erzählt von den Kriegen und Krisen, in denen Franzosen und Amerikaner gemeinsam handelten. „Arts“ widmet sich den intensiven künstlerischen Beziehungen zwischen beiden Seiten des Atlantiks.
Der erste Bereich führt zu den französischen Entdeckungsreisen in Nordamerika zurück. Jean de Verrazano (1491–1528) erkundete 1524 die Atlantikküste, Jacques Cartier (1491–1557) erreichte 1534 Neufundland und den Sankt-Lorenz-Strom und René Goulaine de Laudonnière (um 1529–1574) war an französischen Expeditionen in Florida beteiligt.
Später rückt die amerikanische Unabhängigkeit in den Mittelpunkt. Die Sammlung zeigt Gemälde, Druckgrafiken, Skulpturen und historische Objekte. Dazu gehört unter anderem Jean Suau (1758–1856) mit seinem Gemälde „La France offrant la Liberté à l’Amérique“ aus dem Jahr 1784.
| „La France offrant la Liberté à l’Amérique“, Künstler Jean Suau, 1784 |
Das Museum besitzt zahlreiche Erinnerungsstücke und Darstellungen von Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette (1757–1834), dessen Geschichte wie kaum eine andere die Verbindung zwischen Frankreich und der jungen amerikanischen Republik verkörpert. 1777 reiste er im Alter von nur 19 Jahren nach Amerika, um die aufständischen Kolonisten im Kampf gegen Großbritannien zu unterstützen. Dort schloss er sich den Truppen von George Washington (1732–1799) an und wurde zu einem seiner engsten Vertrauten. Die Kapitulation der britischen Armee im Oktober 1781 in Yorktown wurde zu einem entscheidenden Moment des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges.
Das Musée franco-américain besitzt unter anderem eine Bronzeversion des Lafayette-Bildnisses von David d’Angers (1788–1856). Der Bestand zu Lafayette umfasst mehr als 300 Objekte und reicht von Porträts bis zu Erinnerungsstücken aus verschiedenen Phasen seines Lebens. Dazu gehören auch „Le départ de Lafayette“ von Hubert Robert (1733–1808) und „Lafayette sur son lit de mort“ von Ary Scheffer (1795–1858).
| Porträt von George Washington, Künstler Gilbert Stuart, 1796 |
Der dritte große Sammlungsbereich widmet sich den künstlerischen Beziehungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Im 19. Jahrhundert wurde Paris zu einem wichtigen Ausbildungszentrum für amerikanische Künstler. Viele junge Maler und Bildhauer kamen nach Frankreich, um an Akademien, in privaten Ateliers oder bei bekannten Künstlern zu lernen. Auch die Künstlerkolonien von Barbizon, Auvers-sur-Oise, Giverny, Honfleur und Pont-Aven zogen amerikanische Künstler an.
Zu den Künstlern, deren Werke heute in Blérancourt gezeigt werden, gehören unter anderem Charles Sprague Pearce (1851–1914), Leo Stein (1872–1947) und zahlreiche weitere amerikanische Künstler.
Die Sammlung erzählt dabei nicht nur von amerikanischer Kunst in Frankreich. Auch französische Künstler entdeckten die Vereinigten Staaten und ihre Landschaften. Die Niagarafälle, die großen Städte und die Landschaften des amerikanischen Westens wurden zu Motiven, die in der europäischen Kunst zunehmend präsent waren.
| Porträt von Sarah Anne Elisabeth Mondure, Künstler Eugène Quesnet, gegen 1857 |
| Porträt von Noémie und Henri Pecquet du Bellet, Künstler Eugène Quesnet, 1855 |
Ein eigener Bestand bewahrt Fotografien und Filme aus dem Leben Anne Morgans und aus der Arbeit des CARD. Diese Dokumente zeigen die Zerstörungen der Region ebenso wie die Menschen, die nach dem Krieg beim Wiederaufbau unterstützt wurden. Sie geben damit einen unmittelbaren Einblick in die humanitäre Arbeit, die von Blérancourt aus organisiert wurde.
Anne Morgan kehrte 1939 noch einmal nach Blérancourt zurück und gründete angesichts der zunehmenden politischen Spannungen das Comité Américain de Secours aux Civils. Ziel war es, Zivilisten aus dem besetzten Gebiet in Sicherheit zu bringen.
1940 musste sie Frankreich unter dem Druck der deutschen Besatzung verlassen. Sie blieb Frankreich jedoch verbunden und reiste bis zu ihrem Tod im Jahr 1952 zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Die Escadrille La Fayette
Eine besondere Verbindung zwischen Lafayette und dem Ersten Weltkrieg bildet die Escadrille La Fayette. Die 1916 auf französischer Seite aufgestellte Fliegerstaffel bestand aus amerikanischen Freiwilligen, die bereits vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg an der Seite Frankreichs kämpften. Ursprünglich als Escadrille Américaine bezeichnet, erhielt sie im Dezember 1916 den Namen des französischen Marquis, der einst für die amerikanische Unabhängigkeit gekämpft hatte. Die Piloten flogen unter französischem Kommando unter anderem Einsätze bei Verdun und an der Somme. Damit wurde der Name Lafayette mehr als ein Jahrhundert nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg erneut zum Symbol der Verbindung zwischen amerikanischen Freiwilligen und Frankreich.250 Jahre USA und die Unabhängigkeitserklärung
2026 bietet einen besonderen Anlass, die Geschichte von Blérancourt zu entdecken. Vor 250 Jahren verabschiedeten die dreizehn britischen Kolonien am 4. Juli 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.Das Musée franco-américain nimmt dieses Jubiläum mit der Ausstellung „La Déclaration d’Indépendance américaine, 1776“ auf. Rund dreißig Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Druckgrafiken und kunsthandwerkliche Objekte widmen sich der Entstehung der Vereinigten Staaten. Themen sind unter anderem die Unterzeichnung der Erklärung, die amerikanischen Vertreter in Paris, französische Freiwillige, die Schlachten des Unabhängigkeitskrieges sowie die Erinnerung an seine Helden und Symbole.
Die Ausstellung wurde mit dem Label „Freedom 250 France“ ausgezeichnet. Außerdem trägt sie das Label „Hauts-de-France & États-Unis 250 ans de liens“ und ist Bestandteil des offiziellen französischen Veranstaltungsprogramms zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit.
| „Washington couronné par la Victoire“, Künstler Emmanuel Frémiet, 1879 |
Nützliche Informationen
AdresseMusée franco-américain du Château de Blérancourt
Place du Général Leclerc, 02300 Blérancourt
Anreise
über die A1, Ausfahrt 10 Richtung Noyon, anschließend über die D934.
Über die A26, Ausfahrt 12 Richtung Courbes und Soissons.
Tarife
Der Eintritt in das Museum ist kostenlos. Für die Sonderausstellung 2026 gelten die jeweils auf der Museumsseite angegebenen Bedingungen. Auch die Jardins du Nouveau Monde können kostenlos besucht werden.
Internetseite
https://museefrancoamericain.fr/