Saint-Guilhem-le-Désert – Pilgerwege und mittelalterliches Erbe

Im südlichen Languedoc, im Herzen des grünen Val de Gellone, liegt Saint-Guilhem-le-Désert – ein Dorf, das Geschichte, Spiritualität und Natur auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Das mittelalterliche Ensemble rund um die Abbaye de Gellone, die engen Gassen, die historischen Steinhäuser mit ihren Ziegeldächern und die Lage zwischen Garrigue und schroffem Kalksteinfels verleihen dem Ort seinen unverwechselbaren Charakter. Hier entstand im frühen Mittelalter eines der bedeutendsten Klöster Südfrankreichs.

Saint-Guilhem-le-Désert gehört zum "Grand Site de France des Gorges de l’Hérault", einem geschützten Natur- und Kulturerbe, das drei außergewöhnliche Landschaftsbereiche umfasst: den Cirque de l’Infernet, die Umgebung des Dorfes selbst, die Gorges de l’Hérault sowie die berühmte Grotte de Clamouse.

Seit 2002 trägt Saint-Guilhem-le-Désert offiziell das Label „Les Plus Beaux Villages de France“ und gilt damit als eines der schönsten Dörfer des Landes. Die Abbaye de Gellone wurde bereits 1998 als Teil der Jakobswege in Frankreich in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.




Die Wiege eines spirituellen Zentrums

Die Geschichte von Saint-Guilhem beginnt im Jahr 804, als Guillaume de Gellone (im Okzitanischen „Guilhèm“), Graf von Toulouse, Herzog von Aquitanien und Gefolgsmann Karls des Großen, im damals menschenleeren Val de Gellone eine Benediktinerabtei gründete und diese dem Heiligen Erlöser weihte.

Der Zusatz „le Désert“ im Dorfnamen steht nicht für Wüste im heutigen Sinne, sondern verweist auf die traditionelle monastische Bedeutung des Wortes „Désert“, also einen Ort der Abgeschiedenheit, der Einkehr und des spirituellen Rückzugs. Guilhèm entschied sich, nach seinen militärischen Erfolgen in Spanien, bewusst aus dem weltlichen Leben zurückzuziehen um sein Leben Gott zu widmen.

Das Kloster wurde zum Zentrum religiöser Verehrung, als Guilhem unter anderem eine Reliquie der „Wahren Kreuzes“ mitbrachte, was die Abtei zu einem wichtigen Pilgerort im Mittelalter machte.

Nach seinem Tod 812 und seiner späteren Heiligsprechung im Jahr 1066 wuchs das Kloster rasch zu einem spirituellen Zentrum. Rund um das Kloster entwickelte sich nach und nach eine Siedlung, die ihren Namen und ihre Identität dem Abt und Gründer verdankt.



Die Abbaye de Gellone – Meisterwerk romanischer Baukunst

Die Abbaye de Gellone ist das unbestrittene Herz von Saint-Guilhem-le-Désert und zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen mittelalterlicher Architektur im Süden Frankreichs. Die heutige Baugestalt ist das Ergebnis von Jahrhunderten, da die ursprünglichen Bauten des frühen 9. Jahrhunderts im Laufe der Zeit ergänzt und umgebaut wurden. Bereits im 11. und 12. Jahrhundert entstand die große Abteikirche mit ihrer markanten romanischen Architektur.

Im 11. Jahrhundert drohte die Abtei Gellone, durch die Zerstörung ihrer Archive bei einem Brand, an Einfluss zu verlieren, während das benachbarte Kloster Aniane versuchte, die Kontrolle über sie zu übernehmen. Um ihre Unabhängigkeit zu sichern, stellten sich die Mönche 1066 unter den Schutz von Bischof Rostaing von Lodève. Schließlich gewährte Papst Urban II. 1090 Gellone das Privileg der Befreiung („privilège d’exemption“), das sie von der Hoheitsgewalt der Bischöfe von Lodève befreite und ihr eine bemerkenswerte Unabhängigkeit einräumte.


Während der Religionskriege und der Französischen Revolution erlitt das Kloster schwere Schäden.
Im Jahr 1568 fiel sie protestantischen Truppen in die Hände, doch im Gegensatz zum Kloster Aniane wurde die Abtei Gellone nicht zerstört, allerdings stark in Mitleidenschaft gezogen. 1644 kamen die Mauriner, eine Benediktinerkongregation des Heiligen Maurus, nach Saint-Guilhem und stellten das klösterliche Leben wieder her. Im Laufe des 18. Jahrhunderts verlor die Abtei erneut an Bedeutung, die klösterliche Disziplin und die Zahl der Mönche nahmen ab, und 1783 erwirkte der Bischof von Lodève, von König Ludwig XVI. und Papst Pius VI. die dauerhafte Union („union perpétuelle“) der Abtei mit seinem Bistum.

Diese Verbindung war jedoch nur von kurzer Dauer. Während der Revolution wurde 1790 das Bistum Lodève aufgelöst und die Abtei als Nationalgut verkauft. Der ursprüngliche Kreuzgang (Cloître) wurde abgebaut und viele der kunstvollen Steinplatten, Kapitelle und Bögen wurden verkauft. Einige von ihnen gelangten im frühen 20. Jahrhundert über den amerikanischen Sammler George Grey Barnard bis nach New York und sind heute im Museum „The Cloisters“ des Metropolitan Museum of Art ausgestellt.

Die ehemalige Abteikirche wurde zur Pfarrkirche des Dorfes und trägt heute den Namen „Église de la Transfiguration-du-Seigneur“. Bereits 1840 wurde sie in die allererste Liste der unter Schutz gestellten „Monuments Historiques“ aufgenommen. 1889 folgten die noch erhaltenen Teile des Kreuzgangs und schließlich 1987 die Einstufung der gesamten Anlage als historisches Denkmal. Seit 1998 zählt die Abtei zudem als Teil der französischen Jakobswege zum UNESCO-Welterbe.

Im ehemaligen Speisesaal der Mönche befindet sich seit 2009 das Museum der Abtei mit zahlreichen kunsthistorisch wertvollen Funden, darunter Sarkophage, die als frühchristliche Reliquienschreine dienten, Grabplatten, alte Skulpturen und liturgische Objekte. Besonders beeindruckend sind die Reproduktionen des originalen Kreuzgangs aus dem 12. Jahrhundert. Ein Film („Les Voyages du Cloître“) erzählt die Geschichte der Abtei, ihrer bewegten Vergangenheit, ihrer Kunstschätze und der jahrhundertealten Pilgertradition.








Dorfleben zwischen Tradition und Legende

Das heutige Dorf hat seine mittelalterliche Struktur weitgehend bewahrt. Häuser reihen sich dicht an dicht entlang der Hauptstraße und des Baches Verdus.

Im Herzen des Ortes lädt der „Place de la Liberté“, ein charmanter Dorfplatz, zum Verweilen ein. In seinem Zentrum erhebt sich ein imposanter Platanenbaum der am 20. Januar 1855 gepflanzt wurde und den Spitznamen „Roi Platane“ trägt. Heute ist er als „Arbre Remarquable“ geschützt und gilt als lebendiges Wahrzeichen des Dorfes.

Rund um diesen Platz wird jedes Jahr im Mai eine der ältesten lokalen Traditionen gepflegt - das Fest der kleinen kreuzförmigen Brote, der Petits pains de croix. Während einer feierlichen Messe, bei der die Reliquie des Heiligen Kreuzes verehrt wird, werden diese Brote gesegnet und an die Bewohner verteilt. Viele tragen sie anschließend nach Hause, in dem Glauben, dass sie Schutz spenden und das ganze Jahr über Glück bringen.

Es gibt mit der App Baludik (französisch & englisch) einen digitalen Rundgang durch das Dorf, der 90 Minuten dauert und auf spielerische Weise mit Rätseln und historischen Hinweisen durch den Ort führt.

Über dem Dorf thronen die Ruinen des Château du Géant, einer alten vermutlich westgotischen Festung und verleihen Saint-Guilhem-le-Désert zusätzlich einen Hauch von mittelalterlichem Erbe.












Die Legende des Château du Géant

Hoch über dem malerischen Tal von Saint‑Guilhem‑le‑Désert ragen die Ruinen des Château du Géant aus den Felsen, umwoben von einer Legende, die seit Jahrhunderten erzählt wird. Einst lebte ein Riese in der Festung, begleitet von einer schlauen Elster, und versetzte das Tal von Gellone in Angst und Schrecken.

Nur durch die Klugheit und den Mut von Guilhem de Gellone konnte er besiegt werden. Verkleidet als Magd und mit seinem Schwert namens „Joyeuse“, verborgen unter dem Gewand, schlich er sich zum Schloss, um den Riesen zur Strecke zu bringen. Doch die Elster durchschaute das Täuschungsmanöver und warnte ihren Herrn.

Unbeeindruckt öffnete der Riesenkönig dennoch seine Pforten und besiegelte damit er sein Schicksal. In einem erbitterten Kampf besiegte Guilhem den Koloss und schleuderte ihn von den Klippen in die Tiefe. Die Elster, verwaist und verloren, flog davon und verschwand für immer. Seither, so heißt es, wurde nie wieder eine Elster im Tal gesehen.



   




Wandern, Natur & Pilgerwege

Für Naturliebhaber ist Saint-Guilhem-le-Désert ein wahres Paradies an Wanderwegen, die das Dorf mit seiner spektakulären Umgebung verbinden. Weitwanderer folgen dem legendären GR®653 (Via Tolosa und oft „Chemin d’Arles“ genannt), einem Abschnitt des Jakobswegs, der sich durch die schroffe Kulisse der Gorges de l’Hérault schlängelt.

Besonders hervorzuheben ist der Chemin de Saint-Guilhem, ein rund 242 km langer historischer Transhumanzweg, der einst von den Hirten genutzt wurde. Der Weg führt von der mittelalterlichen Stadt aus und zieht sich nordwärts über die Hochplateaus des Aubrac.

Wer kürzere Rundwege bevorzugt, findet mit den PR-Routen abwechslungsreiche Alternativen, wie die eindrucksvolle Fenestrettes-Route, die über einen historischen, in den Fels geschlagenen Weg führt. Sie bietet atemberaubende Ausblicke auf den Cirque de l’Infernet und die steilen Kalksteinwände. Eine weitere beliebte Tour ist der Aufstieg zum Ermitage Notre-Dame du Lieu Plaisant, der durch duftende Garrigue, über alte Steinstufen und stille Waldstücke verläuft, bevor er an der kleinen Kapelle einen Moment der Einkehr schenkt.

   

   



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