Montferrand – Auf den Spuren der alten Stadt

Im Jahr 1630 war die Sache eigentlich entschieden. König Ludwig XIII. verfügte die Vereinigung von Clermont und Montferrand. Zwei Städte, die seit Jahrhunderten nebeneinander existierten und ihre eigene Geschichte, Verwaltung und Identität hatten, sollten künftig eine gemeinsame Stadt bilden. Doch die beiden Städte wollten einst nur wenig miteinander zu tun haben.

Clermont hatte seinen Bischof. Montferrand hatte seinen Grafen.
Clermont blickte auf seine Kathedrale. Montferrand befestigte seine Mauern.

Und während die eine Stadt kirchliche Macht verkörperte, entwickelte sich die andere zu einem bedeutenden Handelsplatz mit Märkten, Messen, Handwerkern und wohlhabenden Bürgern.

Montferrands Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als Guillaume VI. d’Auvergne hier eine neue Stadt gründete, die nicht nur militärischen Zwecken dienen sollte. Von dieser Zeit ist erstaunlich viel erhalten geblieben. Die mittelalterliche Stadtanlage, Teile der Befestigung, Fachwerkhäuser und prächtige Stadthäuser erzählen noch heute von ihrer Vergangenheit und lassen die frühere Eigenständigkeit im Stadtbild von Montferrand deutlich erkennen.

Hier beginnt eine andere Geschichte.




Eine Stadt als Gegenspielerin von Clermont

Die Entstehung Montferrands geht auf das frühe 12. Jahrhundert zurück. Graf Guillaume VI. d’Auvergne (um 1069–1136) ließ um 1120 auf dem Mont Ferrandus eine befestigte Stadt anlegen, die sich gegenüber Clermont behaupten sollte. Der Hintergrund war ein Machtkonflikt zwischen dem Grafen und dem Bischof von Clermont, bei dem es nicht zuletzt um die Kontrolle der Stadt und ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten ging.

Die Lage war für dieses Vorhaben ausgesprochen günstig. Der Hügel bot eine natürliche Erhöhung über der Ebene und lag zugleich an wichtigen Verkehrswegen, sodass sich hier militärische Sicherheit und wirtschaftliche Interessen miteinander verbinden ließen. Die Festung sollte nicht nur einen strategischen Stützpunkt bilden, sondern auch eine neue Stadt aufnehmen, die dem Einfluss von Clermont etwas entgegensetzen konnte.

Bereits 1126 wird die Burg von Montferrand in den Aufzeichnungen des Abtes Suger erwähnt, der vom Feldzug Ludwigs VI. des Dicken (1081–1137) berichtet. Der französische König war in die Auvergne gezogen, um die Interessen des Bischofs von Clermont zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt muss die Befestigung bereits eine gewisse Bedeutung gehabt haben.

Die ursprüngliche Burg bestand aus einem quadratischen Donjon, der von einer eigenen Mauer umgeben war. Eine zweite, größere Befestigung mit sechs Türmen schützte die Anlage und vermutlich auch die ersten Häuser der neuen Siedlung. Der Standort dieser frühen Burg entspricht ungefähr dem heutigen Bereich der Place Marcel-Sembat. Im Laufe des 12. Jahrhunderts entwickelte sich das Schloss zu einem repräsentativen Herrschaftssitz, an dem auch hochrangige Gäste empfangen wurden. 1173 hielt sich beispielsweise der englische König Heinrich II. (1133–1189) in Montferrand auf.

Mit dem erstaunlich schnellen Wachstum Montferrands im 12. und 13. Jahrhundert verlor die Burg zunehmend ihre ursprüngliche Funktion als wichtigste Verteidigungsanlage. Die neue Stadtbefestigung umschloss nun einen wesentlich größeren Bereich und bot der wachsenden Bevölkerung Schutz. Dadurch ging der militärische Schwerpunkt allmählich von der alten Burg auf die Stadtmauer über. Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Gewölberäume des Donjons als Gefängnis genutzt. Die Türme verfielen im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts, und der Donjon wurde schließlich während der Französischen Revolution abgetragen.




Die Charta, die Montferrand veränderte

Eine entscheidende Etappe in der Entwicklung Montferrands war die Charta der Freiheiten, die zwischen 1196 und 1199 verliehen wurde. Sie geht auf die sogenannte Comtesse G. de Montferrand (um 1170-1199), auch Comtesse Brayère genannt, und ihren Sohn Guillaume VIII. Dauphin d’Auvergne zurück. Sie gehört zu den ältesten Freiheitsurkunden der Region und gewährte der städtischen Gemeinschaft weitreichende Rechte. Die Einwohner konnten jährlich Konsuln bestimmen, die sich um zahlreiche Angelegenheiten des täglichen Lebens kümmerten, darunter die Straßen, Märkte und Messen, die Steuererhebung und die Instandhaltung der Befestigungen, während der Herr von Montferrand weiterhin für die übergeordneten Aufgaben wie Rechtsprechung und Verteidigung zuständig blieb.

Für Montferrand war diese Entwicklung von großer Bedeutung, denn die Stadt konnte damit attraktive Bedingungen für Händler, Handwerker und neue Bewohner schaffen.

Auch das Stadtbild wurde durch diese Urkunde beeinflusst. Die Grundstücke und Häuserblocks wurden nach festen Regeln aufgeteilt, wodurch ein regelmäßiger Grundriss entstand, der in Montferrand bis heute erkennbar ist.

Die Erinnerung an die Comtesse G. ist in Montferrand bis heute erhalten geblieben. Eine Bodenplatte erinnert an die Frau, deren Name weitgehend in Vergessenheit geraten ist, obwohl sie für die Geschichte der Stadt eine wichtige Rolle spielte. Neben der Charta der Freiheiten gründete sie auch die Lepraanstalt Saint-Lazare d’Herbet. Nach späteren Überlieferungen könnte sie selbst an Lepra erkrankt gewesen sein, sicher belegt ist dies jedoch nicht.




Eine Stadt für Händler und Handwerker

Die wirtschaftliche Entwicklung folgte unmittelbar. Montferrand wurde zu einer bedeutenden Handelsstadt, deren Märkte und Messen weit über die unmittelbare Umgebung hinaus Bedeutung besaßen. Ein historisches Dokument beschreibt die Stadt sogar als einen Ort, der auf Handel und Markt gegründet sei. Besonders wichtig war die Carrefour des Taules, an dem sich zwei historische Verkehrswege kreuzten. Eine Route führte von Norden nach Süden durch die Auvergne in Richtung Languedoc, die andere verband Montferrand mit Clermont. Die Nord-Süd-Achse entspricht den heutigen Straßen Rue des Cordeliers und Rue Jules-Guesde, während die Rue de la Rodade und die Rue du Séminaire die Ost-West-Verbindung bilden.

Der Name Taules geht auf die Tische zurück, die die Händler an Markttagen aufstellten. Rund um diese Kreuzung lagen Verkaufsstände, Werkstätten und Geschäfte. Montferrand wurde insbesondere zu einem bedeutenden Zentrum für Stoffe und Tuchwaren, wobei auch der Anbau und die Verarbeitung von Hanf eine Rolle spielten. In der Rue du Séminaire befand sich eine Halle für den Tuchhandel, deren heutiges Gebäude aus dem Jahr 1520 stammt und mit seinen Arkaden noch immer an diese Zeit erinnert. An der Kirche Notre-Dame ist außerdem eine alte Elle erhalten geblieben, mit der Stoffe und Tücher abgemessen wurden.




Im Jahr 1372 war der Wochenmarkt freitags so gut besucht, dass der Herzog von Berry und Auvergne seinen Seneschall anwies, an diesem Tag seine Gerichtssitzung in Montferrand abzuhalten. Der Freitag ist übrigens bis heute Markttag, sodass eine jahrhundertealte Tradition noch immer fortbesteht.

Im Inneren der Stadt gab es dagegen kaum große Plätze, wie man sie heute von französischen Städten kennt. Die wenigen freien Flächen entstanden meist an Kreuzungen oder zwischen Häusern. Die Place de la Rodade lag ursprünglich sogar außerhalb der Stadtmauer und entstand erst mit der Erweiterung Montferrands nach Westen. Das erklärt, weshalb sich das historische Zentrum heute eher als dichtes Geflecht aus Straßen, Häusern und kleinen Plätzen präsentiert.


Schutz durch den König

Die wirtschaftliche Bedeutung Montferrands brachte die Stadt allerdings auch in eine schwierige Lage. Clermont besaß einen starken Markt und wurde vom Bischof sowie vom französischen König unterstützt, weshalb die Montferrander ihre eigene Position absichern mussten. 1225 nahm König Ludwig VIII. (1187–1226) die Stadt unter seinen Schutz, doch im Gegenzug verpflichtete sich die Stadt Montferrand zu einem Treueeid und zu einer jährlichen Zahlung von einem „Marc d’or“. Die königliche Unterstützung war für die Stadt besonders wichtig, weil sie dadurch ihren Markt gegenüber Clermont behaupten konnte. Gleichzeitig fügte sich die königliche Politik in einen größeren Zusammenhang ein, denn Ludwig VIII. versuchte, die Macht der feudalen Herren der Auvergne zugunsten der Städte und der französischen Krone zurückzudrängen.

Im selben Jahr gelangte Montferrand durch die Heirat von Catherine, der Tochter des Grafen von Auvergne, an die Herren von Beaujeu. Diese Phase endete 1292, als der verschuldete Louis II. de Beaujeu die Stadt an König Philipp IV. den Schönen (1268–1314) verkaufte. Montferrand wurde damit königliche Stadt und unmittelbar der französischen Krone unterstellt.

Die Bindung an die Krone sollte Montferrand in den folgenden Jahrhunderten eine neue Bedeutung geben. Die Stadt blieb ihrem König treu und erhielt nach und nach wichtige Verwaltungs- und Justizfunktionen, die zahlreiche Juristen und andere Angehörige der königlichen Verwaltung anzogen.


Mauern, Tore und Wasser

Parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung wurde Montferrand immer stärker befestigt. Die Stadtmauer entstand zwischen dem Ende des 12. und dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts und umschloss die Stadt auf einer Länge von rund 1,7 Kilometern. Vier Tore ermöglichten den Zugang, nämlich die Porte de Belregard im Westen, die Porte de Bise im Norden, die Porte de la Poterle im Osten und die Porte de l’Hospital im Süden.

Die Mauer war ursprünglich rund 1,80 Meter dick und bestand aus vulkanischem Gestein, das mit Kalkmörtel oder teilweise auch mit Erde verbunden wurde. Türme unterschiedlicher Form verstärkten die Befestigung, während die Mauer selbst eine Höhe von nahezu zwölf Metern erreicht haben soll. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie mehrfach verändert, insbesondere als sich mit der Entwicklung der Artillerie auch die Anforderungen an eine Stadtbefestigung wandelten.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die Tiretaine. Der kleine Fluss, der heute größtenteils unterirdisch durch die Stadt fließt, teilte sich einst in mehrere Arme und umgab Montferrand auf drei Seiten. Zwischen Clermont und Montferrand erstreckte sich eine feuchte Landschaft, die von Kanälen und Wasserläufen durchzogen war. Mit Schleusen konnte das Wasser in die Gärten geleitet werden, bei Gefahr ließ sich das Gebiet sogar gezielt überfluten. Ein Teil der Tiretaine floss außerdem durch die Stadt und versorgte die Mühlen im Norden mit Wasserkraft.

Noch heute erinnern Straßennamen wie die Rue des Moulins an diese längst verschwundene Wasserlandschaft. Ein weiterer Hinweis ist die frühere Porte de l’entrée de l’eau, durch die ein Arm der Tiretaine direkt in die befestigte Stadt gelangte.





Montferrand, die königliche Stadt

Nach dem Verkauf der Stadt durch den verschuldeten Grafen von Beaujeu an König Philipp IV. den Schönen am 25. Juli 1292 wurde Montferrand zur königlichen Stadt und damit unmittelbar an die französische Krone gebunden. Diese neue Stellung sollte die weitere Geschichte Montferrands entscheidend prägen. Die Stadt blieb dem König treu und erhielt im Laufe der folgenden Jahrhunderte wichtige königliche und steuerliche Funktionen, darunter ein Bailliage (Verwaltungsbezirk) von 1425 bis 1556 und die Cour des Aides (Berufungsgericht) ab 1557. Damit kamen zahlreiche Juristen und Verwaltungsbeamte nach Montferrand, deren Wohlstand sich bald auch im Stadtbild widerspiegelte. Sie ließen repräsentative Stadthäuser errichten, von denen einige bis heute erhalten geblieben sind.

Entlang der beiden großen Straßen entstanden prächtige Hôtels particuliers, die sich häufig hinter relativ schmalen Straßenfassaden verbergen. Typisch sind langgestreckte Grundstücke mit einem Gebäude zur Straße und einem weiteren Baukörper im hinteren Teil, die über Galerien miteinander verbunden sind. Dazwischen liegt ein privater Innenhof, während Wendeltreppen in Türmen die verschiedenen Ebenen erschließen.

Besonders schön ist die Rue de la Rodade, an der sich zahlreiche alte Häuser mit ihren charakteristischen Fassaden erhalten haben. Viele dieser Gebäude besitzen Fachwerk und ragen in den oberen Stockwerken über die Straße hinaus, wodurch auf den schmalen Grundstücken zusätzlicher Wohnraum gewonnen wurde. Diese Bauweise hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil, denn bei einem Brand konnten die Flammen leicht von einem Haus auf das nächste überspringen. Deshalb wurde das Auskragen der Häuser zunehmend eingeschränkt und ab 1508 schließlich landesweit verboten.

Im Erdgeschoss befand sich meist eine Werkstatt oder ein Laden, während darüber die Wohnräume der Familie lagen. Dadurch wurde die Straße zum Mittelpunkt des täglichen Lebens, an dem gearbeitet, gehandelt und gewohnt wurde.

Ein besonders kurioses Beispiel ist die Maison de l’Apothicaire aus dem 15. Jahrhundert. Unter dem Dach sind zwei geschnitzte Holzfiguren zu sehen, die den Beruf des Apothekers auf ungewöhnlich anschauliche Weise darstellen. Eine der Figuren hält ein gewaltiges Klistier in der Hand, während sich die zweite bereits auf die entsprechende Behandlung vorbereitet.




Eine Stadt mit eigenem Wappen

Die Eigenständigkeit Montferrands zeigt sich nicht nur in seiner Geschichte und seinem Stadtbild, sondern auch im Wappen. Es zeigt auf blauem Grund einen goldenen Löwen mit roten Krallen und roter Zunge. In der französischen Heraldik lautet die Beschreibung „D’azur au lion d’or, armé et lampassé de gueules“.

Das Wappen ist heute besonders interessant, weil es häufig zusammen mit dem Wappen von Clermont dargestellt wird. Beide Wappen erinnern an die beiden Städte, aus denen Clermont-Ferrand entstanden ist, und wurden beispielsweise gemeinsam an Gebäuden in Clermont verwendet. Auch an den Glasfenstern des Hôtel Fontfreyde findet sich diese gemeinsame Darstellung.

Eine überraschende Spur reicht sogar bis in die Gegenwart. Die Farben Blau und Gelb des Montferrander Wappens wurden zur Grundlage der Vereinsfarben der ASM, des berühmten Rugbyvereins von Clermont-Ferrand. Damit lebt ein Stück der alten Stadtgeschichte sogar im heutigen Sport weiter.


Die religiöse Bedeutung

Neben seiner politischen und wirtschaftlichen Bedeutung entwickelte sich Montferrand bereits im Mittelalter zu einem wichtigen religiösen Zentrum. Zu den ältesten Einrichtungen gehörte das Moutier Saint-Robert, das 1121 gegründet wurde und später zur Pfarrkirche der Stadt wurde. Auch die Kapelle des gräflichen Schlosses erhielt eine besondere Bedeutung, denn sie wurde zu einer Kollegiatkirche erhoben, in der ein Kapitel von Kanonikern seinen Sitz hatte. Damit war das religiöse Leben eng mit der politischen Stellung der Stadt verbunden.

Im 13. Jahrhundert kamen weitere religiöse Gemeinschaften hinzu. Im Zusammenhang mit den Kreuzzügen ließen sich in Montferrand die Templer und später die Hospitaliter nieder.

Die Templer hatten ihr Verwaltungszentrum innerhalb der Burganlage eingerichtet, das zugleich eine Rolle bei der Verteidigung der Stadt spielte. Im 13. Jahrhundert dehnten sich die zugehörigen Gebäude und Besitzungen bis an die nördliche Stadtmauer aus. Nach der Aufhebung des Templerordens im Jahr 1312 gingen die Güter der Komturei an die Hospitaliter vom heiligen Johannes über. Die Anlage bestand noch mehrere Jahrhunderte, bevor die meisten ihrer Gebäude 1786 abgerissen wurden. An der Rue Parmentier haben sich dennoch Teile der ehemaligen Anlage erhalten.

   


Außerdem waren die Antoniter und die Franziskaner, die in Frankreich als Cordeliers bezeichnet wurden, in der Stadt vertreten. Zu den bemerkenswertesten Einrichtungen gehörte das Kloster der Cordeliers. Ihre Kirche wurde 1229 geweiht und lag außerhalb der Stadtmauer in der Nähe der Porte de Bise. Von den ursprünglichen Gebäuden ist heute nichts mehr erhalten, da sie im 17. und 18. Jahrhundert durch neue Bauten ersetzt wurden. Diese wurden während der Französischen Revolution als Nationalgut verkauft und später anderweitig genutzt.

Mit den Cordeliers verbindet sich auch eine ungewöhnliche Episode aus dem Jahr 1380. Als der berühmte französische Heerführer Bertrand du Guesclin (um 1320–1380) während der Belagerung von Châteauneuf-de-Randon starb, sollte sein Leichnam auf Wunsch König Karls V. nach Paris überführt und in der Basilika Saint-Denis bestattet werden. Die Reise musste jedoch in Montferrand unterbrochen werden, da sich der Zustand der einbalsamierten Leiche so stark verschlechtert hatte, dass die Weiterreise nicht möglich war. Die Cordeliers übernahmen daraufhin die ungewöhnliche Aufgabe, den Körper zu zerlegen und auszukochen, damit die Knochen nach Saint-Denis weitertransportiert werden konnten. Die sterblichen Überreste wurden dagegen in der Kirche des Klosters beigesetzt.

Die Geschichte wirkt heute makaber, war im Mittelalter jedoch eine durchaus bekannte Form der sogenannten Bestattung „mos Teutonicus“, bei der die sterblichen Überreste bedeutender Persönlichkeiten für den Transport zu einem entfernten Begräbnisort vorbereitet wurden. Montferrand wurde dadurch eher zufällig zu einer Station auf dem letzten Weg eines der berühmtesten Heerführer des Hundertjährigen Krieges.






Vom Kloster zum Museum

Eine weitere wichtige Etappe in der religiösen Geschichte Montferrands begann im 17. Jahrhundert mit der Ankunft der Ursulinen. 1637 übernahmen sie einen Teil des ehemaligen Jesuitenkomplexes und richteten dort ein Kloster mit Kreuzgang und Kapelle ein. Die Gebäude blieben jedoch nicht dauerhaft ihrer religiösen Bestimmung vorbehalten. Nach der Französischen Revolution wurde der Komplex unter anderem als Großseminar genutzt, während des Ersten Weltkriegs diente er als Lazarett und später als Unterkunft der mobilen Gendarmerie.

Heute befindet sich in einem Teil dieser historischen Anlage das Musée d’Art Roger-Quilliot. Die Stadt Clermont-Ferrand erwarb den Gebäudekomplex 1984, bevor das Musée des Beaux-Arts 1992 in den nördlichen Teil des ehemaligen Klosters umzog. Seit 1999 trägt es den Namen des langjährigen Bürgermeisters Roger Quilliot. Die historische Bausubstanz wurde dabei mit moderner Architektur verbunden und bietet heute Raum für eine umfangreiche Sammlung von Kunstwerken vom Mittelalter bis zur Moderne. So hat sich ein Ort, der einst dem religiösen Leben der Stadt diente, zu einem kulturellen Zentrum entwickelt und bewahrt zugleich einen wichtigen Teil der Geschichte Montferrands.






Ein schwerer Rückschlag

Trotz seiner starken Befestigung blieb Montferrand von den Wirren des Mittelalters nicht verschont. Im Jahr 1388 gelang es einer Söldnertruppe unter der Führung von Perrot le Béarnais, in die Stadt einzudringen und sie einzunehmen. Der Angriff hatte wirtschaftliche Folgen, denn Montferrand galt bis dahin als gut geschützter Handelsplatz. Doch die Eroberung zeigte, dass selbst die mächtigen Stadtmauern keinen zuverlässigen Schutz mehr boten, wodurch das Vertrauen der Händler erschüttert wurde und der Handel in der Folge zurückging.

Vor der Porte de Bise verlief ein Graben, der bei drohender Gefahr mit Wasser gefüllt werden konnte. Über Schleusen ließ sich der Wasserstand regulieren, während der Graben in ruhigeren Zeiten trocken blieb. Bei der Einnahme Montferrands im Jahr 1388 war die Anlage offenbar nicht geflutet und konnte die Angreifer daher nicht aufhalten. Die steinerne Brücke, die heute zur Porte de Bise führt, erinnert noch an diese frühere Verteidigungsanlage.

Für Montferrand bedeutete die Einnahme jedoch keinen dauerhaften Niedergang. Die Stadt konnte ihre Stellung in den folgenden Jahrhunderten wieder festigen und blieb dank ihrer engen Verbindung zur französischen Krone ein wichtiger Ort in der Auvergne.



Die Vereinigung mit Clermont

Im 17. Jahrhundert änderte sich diese Situation grundlegend, denn obwohl Clermont und Montferrand inzwischen unmittelbar nebeneinander lagen und wirtschaftlich immer stärker miteinander verbunden waren, bestanden weiterhin zwei getrennte Verwaltungen, eigene Institutionen und unterschiedliche städtische Traditionen, sodass die gemeinsame Verwaltung des dicht besiedelten Raumes zunehmend als unpraktisch erschien. 1630 ordnete Ludwig XIII. (1601–1643) mit dem Édit de Troyes die Vereinigung von Clermont und Montferrand an, womit ein jahrhundertealter Gegensatz zwischen der bischöflich geprägten Stadt Clermont und der königlichen Stadt Montferrand formal beendet werden sollte.

Für Montferrand bedeutete dieser Schritt jedoch keineswegs einen gleichberechtigten Zusammenschluss, denn die Cour des Aides wurde nach Clermont verlegt, und auch die Jesuiten folgten, sodass Montferrand wichtige Institutionen verlor, die über Jahrzehnte zum Wohlstand und zur Bedeutung der Stadt beigetragen hatten. Das zweite Vereinigungsedikt von 1731 unter Ludwig XV. (1710–1774) bestätigte und vollendete schließlich die Verbindung, die damit endgültig zur Grundlage der späteren Entwicklung von Clermont-Ferrand wurde.

Montferrand akzeptierte den Verlust seiner Eigenständigkeit allerdings nur widerwillig, und noch über viele Jahrzehnte blieb die Erinnerung an die frühere Selbstständigkeit lebendig, weshalb die ehemalige Stadt noch 1789, 1848, 1863 und 1911 Anträge auf eine erneute Trennung von Clermont stellte. Alle diese Versuche blieben erfolglos.


Vom Weinbau zu Michelin

Nach der Vereinigung konzentrierte sich Montferrand wieder stärker auf Landwirtschaft, Weinbau und die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, wobei besonders der Weinbau die Landschaft rund um die Stadt prägte und die Côtes de Clermont sowie der Puy de Chanturgue von Weinbergen bedeckt waren, deren typische kleine Winzerhäuser noch heute von dieser langen Tradition zeugen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte der Weinbau seinen Höhepunkt, bevor die Reblaus die Weinberge schwer beschädigte, während sich gleichzeitig Clermont-Ferrand zunehmend zu einem wichtigen Industriestandort entwickelte und damit eine wirtschaftliche Veränderung einsetzte.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei Michelin. André Michelin (1853–1931) und Édouard Michelin (1859–1940) entwickelten 1889 den demontierbaren Reifen und legten damit den Grundstein für den späteren weltweiten Erfolg des Unternehmens, dessen industrielle Expansion zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch Montferrand und seine unmittelbare Umgebung erfasste. Das Unternehmen kaufte unter anderem Grundstücke von Weinbauern, deren Betriebe durch die Reblauskrise geschwächt worden waren, um dort Fabriken sowie Wohnungen für Arbeiter zu errichten.

Zwischen 1905 und 1930 entstanden rund um den Hügel von Montferrand drei größere Arbeitersiedlungen und 480 Einfamilienhäuser, in denen mehr als 2.000 Familien untergebracht wurden, sodass die industrielle Entwicklung nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Stadtbild, die Bebauung und die Bevölkerungsstruktur Montferrands grundlegend veränderte.

Trotz dieser tiefgreifenden Veränderungen hat Montferrand seinen eigenen Charakter bewahrt. Die mittelalterliche Stadtanlage ist noch deutlich erkennbar, zahlreiche Fachwerkhäuser und Hôtels particuliers sind erhalten geblieben und die Reste der Stadtmauer erinnern an die Zeit, in der Montferrand eine befestigte Stadt mit eigener Verwaltung und eigener politischer Bedeutung war.





   

   

   



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