Über der Bucht von Pampelonne auf der südlichen Saint-Tropez-Halbinsel liegt Ramatuelle, ein provenzalisches Dorf, das einem wunderbaren Blick auf das Mittelmeer und die Côte d’Azur ermöglicht, sowie auf die weitläufigen Weinberge der Côtes de Provence. Es ist ein Ort, an dem sich Jahrtausende von Geschichte verdichten, von den ersten Siedlern der späten Steinzeit über keltisch-ligurische Stämme und römische Landgüter bis hin zu den Sarazenenüberfällen im 9. Jahrhundert. Das Dorf erlebte Zerstörung und Wiederaufbau, von den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts bis zu den Besatzungen im Zweiten Weltkrieg, wobei die strategische Lage immer eine zentrale Rolle spielte. Die mittelalterlichen Stadtmauern, verwinkelten Gassen und historischen Gebäude wie die Kirche Notre-Dame oder die Kapelle Sainte-Anne erzählen von Jahrhunderten von Verteidigung, Glauben und Gemeinschaftsleben.
Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts setzte ein allmählicher Wiederaufbau ein, bei dem viele Häuser neu errichtet oder grundlegend instand gesetzt wurden. Die in Stein gemeißelten Jahreszahlen an Türen sowie das auf 1620 datierte Kirchenportal zeugen noch heute von dieser Phase des Neuanfangs.
Historische Bedeutung erlangte vor allem der Strand von Pampelonne, der im August 1944 Schauplatz der alliierten Landung in der Provence wurde. Das Ufer verwandelte sich binnen kurzer Zeit in ein strategisches Operationsgebiet, um im südlichen Hinterland eine provisorische Landepiste einzurichten, die Verbindungen zu Stützpunkten auf Korsika und in Nordafrika ermöglichte. Am 15. August 1944 betrat unter dem Oberbefehl von Alexander Patch der junge Leutnant André Murphy mit seiner Einheit als einer der Ersten den französischen Boden. Dafür wurde ihm 1948 die Ehrenlegion verliehen. Mit dieser Landung nahm die Befreiung der Region ihren Anfang, und Pampelonne wurde zum Symbol des Neubeginns nach Jahren der Besatzung.
Die Kirche Notre-Dame erhebt sich noch heute direkt an den Resten der mittelalterlichen Dorfmauer, die einst das ganze Dorf umschloss, und erzählt von einer bewegten Geschichte zwischen Zerstörung, Wiederaufbau und Schutzfunktion. Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Gotteshaus während der Religionskriege zerstört. Ohne auf die Zustimmung von Bischof oder Prior zu warten, begannen die Dorfbewohner mit dem Wiederaufbau, der etwa um 1582 startete. Das Kirchenschiff wurde so an die alten Mauern angelehnt, dass die bestehenden Befestigungen gleichzeitig als Außenwand dienten.
Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts war das Bauwerk vollständig, und die große Eingangstür von 1620 aus grünem Serpentinit markiert bis heute den imposanten Zugang. Hinweise auf die ursprüngliche Orientierung der Kirche lassen vermuten, dass der Hauptaltar an der heutigen Eingangsseite stand. Rechts neben dem Eingang erinnert eine Gedenktafel an die Besatzungen von vier Unterseebooten, die „S M 2326“, „Sybille“, „Minerve“ und „Eurydice“, die zwischen 1946 und 1970 vor der Küste des Cap Camarat spurlos verloren gingen.
In der linken Seitenwand sind vier Arkaden eingelassen. m zweiten Bogen ist eine gesicherte Vitrine eingelassen, die drei wertvolle Krippenfiguren beherbergt: den Heiligen Joseph und die Heilige Jungfrau aus dem 16. Jahrhundert, beide als historische Denkmäler geschützt, sowie ein Jesuskind, das der Schauspieler Jean-Claude Brialy, der in Ramatuelle lebte, der Kirche als Geschenk überließ.
Der Glockenturm war Teil der vier Wachtürme, die im 14. Jahrhundert den Rundumblick über das Dorf ermöglichten und vor Angriffen aus der Ebene und vom Meer warnten.
Der „Cercle du Littoral“ ist Ramatuelles ältester Treffpunkt. Gegründet 1885, wurde er später als gemeinnütziger Verein nach dem Gesetz von 1901 registriert. Mit der Etablierung der Dritten Republik erlebte Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts einen regelrechten Boom an Vereinen, insbesondere an sogenannten „Cercle“-Organisationen, in denen ausschließlich Männer zusammenkamen, um zu lesen, zu diskutieren, sich zu vergnügen und Getränke zu deutlich günstigeren Preisen als in den üblichen Cafés zu konsumieren. Im Departement Var existierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 300 solcher Kreise.
In Ramatuelle existierten zunächst zwei konkurrierende Gruppen, die „Bourgeois“ und die „Arbeiter“ beziehungsweise „Republikaner“. Schnell erkannte man jedoch, dass ein gemeinsames Vorgehen sinnvoller war, und die beiden Vereinigungen fusionierten unter einem neutralen, geografisch inspirierten Namen: „Le Cercle du Littoral“. Jahrzehntelang befand sich das Vereinslokal in der Rue Clemenceau.
Eine der beliebtesten Veranstaltungen des Vereins ist bis heute das Fest der „Saint Dindon“ am zweiten Sonntag im Dezember. Die Tradition geht auf eine alte Legende zurück. Eine Heuschreckenplage bedrohte einst die Felder, doch die gefräßigen Truthähne halfen, die Insekten zu vertilgen und die Ernte zu retten. Seitdem wurden die gefiederten Retter bei einem Festessen geehrt. Die Männer übernehmen dabei die Zubereitung der Vögel.
Am Place Gabriel Péri, der früher das lebendige Zentrum Ramatuelles bildete, sticht eine kleine architektonische Besonderheit hervor: die 1868 errichtete „Eiffel“-Treppe am Haus Nr. 2. Sie verbindet die oberen Räume des Hauses, das aus der Aufteilung des alten Herrschaftsschlosses hervorging, mit dem Platz. Ihr Metallgerüst ist ein ungewöhnliches Baumaterial für ein kleines Dorf im Var, das damals noch überwiegend aus Stein- und Fachwerkbauten bestand.
Die „Porte Sarrasine“ ist ein mittelalterliches Tor und hat ihren ursprünglichen Charakter bewahrt. Von innen sind noch die Führungsschiene für das schwere Fallgitter zu erkennen, das einst zur Verteidigung diente, sowie die 1792 angebrachten Scharniere, mit denen die Türflügel sicher verschlossen werden konnten. Von außen ragen zwei steinerne Arme hervor, die einst eine kleine Wachtstube trugen, von der aus die Umgebung überblickt wurde.
Ein paar Schritte weiter in der Rue du Moulin Roux liegen die historischen Gefängnisräume. Sie entstanden unter Napoléon III. im damals populären arabisch inspirierten Stil. Die Bauweise gab Anlass zu einer volkstümlichen Legende. Viele hielten die Gebäude für ein altes Hammam, das angeblich von den Sarazenen errichtet worden sei.
Die Kapelle Sainte-Anne, auch Büßerkapelle genannt, ist die einzige der ursprünglich vier Kapellen Ramatuelles, die von der Zerstörung verschont blieb. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert, verfiel jedoch über lange Zeit, bevor sie in den 1960er-Jahren umfassend restauriert wurde. Bis heute wird dort jährlich am 26. Juli ein Gottesdienst zu Ehren der Heiligen Anna gefeiert, der die religiöse Tradition des Dorfes lebendig hält.
Der französische Schauspieler und Regisseur Jean-Claude Brialy ließ in Ramatuelle das Festival de Théâtre et Variété entstehen und lebte zeitweise in einem eigenen Anwesen im Dorf. Auch die deutsch-französische Schauspielerin Romy Schneider hatte in der Umgebung ein Anwesen mit Weinbergen. Im Ortsteil L’Oumède wurde zudem ihr Film „Der Swimmingpool“ gedreht, was der Region zusätzlichen Ruhm in der Filmwelt verschaffte.
1946 erhielt der Weinbau der Region offiziellen Auftrieb durch die Anerkennung der Appellation „Côtes de Provence“. Dies brachte neue Investitionen in moderne Kellertechnik und Abfüllanlagen. Kleinere Winzer, die solche Mittel nicht allein aufbringen konnten, schlossen sich 1954 zu einer Genossenschaft zusammen, deren erste Ernte 1956 eingebracht wurde. Die offizielle Einweihung der Genossenschaftskellerei im April 1957, heute bekannt als „Les Vignobles de Ramatuelle“, bot kleinen Betrieben die Möglichkeit, moderne Anbau- und Produktionsmethoden umzusetzen und den Wein effizient zu vermarkten.
In den folgenden Jahrzehnten profitierte Ramatuelle zusätzlich von der Qualitätssteigerung und der offiziellen Anerkennung des AOC-Labels für die Côtes de Provence 1977.
Die kalk‑ und mineralhaltigen Böden sowie das milde Klima schaffen ideale Bedingungen für den Anbau anspruchsvoller Rebsorten.
Von den ersten Siedlungen bis zur Festung auf dem Hügel
Die Region um Ramatuelle war bereits in der Vorgeschichte besiedelt. Archäologische Funde wie Dolmen und Überreste früher Siedlungen belegen die Anwesenheit von Menschen in der späten Steinzeit. Später lebten hier keltisch-ligurische Stämme, bevor die Römer die Region in ihre Provinzen eingliederten. Die erhöhte Lage des Dorfes bot schon damals strategische Vorteile für Verteidigung und Handel.
Ein markanter Einschnitt in der Geschichte des Dorfes war das Jahr 892, als eine kleine Gruppe muslimischer Seeräuber, die Sarazenen, aus Spanien im damaligen Golfe Sambracitain (heute bekannt als Golfe de Grimaud) landete. Aus dem zunächst improvisierten Stützpunkt entwickelte sich mit Verstärkung weiterer Kämpfer ein dauerhaftes Lager auf den Höhen von La Garde-Freinet im Massif des Maures, von wo aus die Umgebung kontrolliert und wiederholt geplündert wurde. Auch Ramatuelle geriet unter diese Herrschaft, und bis heute verweisen bestimmte bauliche Strukturen, etwa gewölbte Keller oder als Gefängnisse interpretierte Räume, auf diese Phase.
Erst 972 gelang es dem der Grafen der Provence, Wilhelm I. genannt der Befreier, zusammen mit seinem Bruder Roubaud, die Sarazenen in ihrem Bergfort überraschend anzugreifen und die Region zu befreien. Nach dieser langen Phase von Gewalt und Zerstörung übernahmen die mächtigen Vicomtes von Marseille die Verwaltung und Rechtsprechung von Ramatuelle und schufen die Grundlagen für die spätere Verteidigung des Dorfes. In dieser Zeit wurden auch die ersten Stadtmauern errichtet, deren Reste im heutigen Ortsbild noch erkennbar sind und den kreisförmigen Aufbau des Dorfes erklären. Die dichten Häuserreihen und engen Gassen, die noch heute das Dorf prägen, waren Teil einer durchdachten Verteidigungsstruktur und konzentrieren sich um einen zentralen Platz.
Die erste urkundliche Erwähnung von Ramatuelle stammt aus dem 11. Jahrhundert, doch die Herkunft des Namens ist nicht eindeutig geklärt und bleibt ein ungelöstes Rätsel der Region. Historiker sind sich uneinig über die wahre Bedeutung. Eine der älteren Theorien besagt, dass der Name vom arabischen „Rahmatu’llah“ abgeleitet sein könnte, was „Barmherzigkeit Gottes “ bedeutet. Dies wäre ein möglicher Hinweis auf die sarazenische Besetzung des Dorfes. Eine andere Hypothese führt den Namen auf die keltisch-ligurische Volksgruppe „Camatullici“ zurück, die an den Ufern des Flusses Gapeau siedelte, bevor sie von den Römern vertrieben wurde. Ihr Name könnte sich später zu „Ramatullici“ und dann zu „Ramatuelle“ entwickelt haben, doch der wahre Ursprung bleibt ein Geheimnis.
Für die religiöse Betreuung wandte man sich im 11. Jahrhundert an die Mönche der Abtei Saint-Victor de Marseille, denen 1056 Weinberge und ein Landgut übertragen wurden. In den folgenden Jahrhunderten wechselten die lokalen Herrschaften mehrfach. Familien wie die Saumade, de Castellane, de Villeneuve, de Cossa oder d’Audibert prägten die Geschiche des Dorfes bis zur Revolution.
Ein markanter Einschnitt in der Geschichte des Dorfes war das Jahr 892, als eine kleine Gruppe muslimischer Seeräuber, die Sarazenen, aus Spanien im damaligen Golfe Sambracitain (heute bekannt als Golfe de Grimaud) landete. Aus dem zunächst improvisierten Stützpunkt entwickelte sich mit Verstärkung weiterer Kämpfer ein dauerhaftes Lager auf den Höhen von La Garde-Freinet im Massif des Maures, von wo aus die Umgebung kontrolliert und wiederholt geplündert wurde. Auch Ramatuelle geriet unter diese Herrschaft, und bis heute verweisen bestimmte bauliche Strukturen, etwa gewölbte Keller oder als Gefängnisse interpretierte Räume, auf diese Phase.
Erst 972 gelang es dem der Grafen der Provence, Wilhelm I. genannt der Befreier, zusammen mit seinem Bruder Roubaud, die Sarazenen in ihrem Bergfort überraschend anzugreifen und die Region zu befreien. Nach dieser langen Phase von Gewalt und Zerstörung übernahmen die mächtigen Vicomtes von Marseille die Verwaltung und Rechtsprechung von Ramatuelle und schufen die Grundlagen für die spätere Verteidigung des Dorfes. In dieser Zeit wurden auch die ersten Stadtmauern errichtet, deren Reste im heutigen Ortsbild noch erkennbar sind und den kreisförmigen Aufbau des Dorfes erklären. Die dichten Häuserreihen und engen Gassen, die noch heute das Dorf prägen, waren Teil einer durchdachten Verteidigungsstruktur und konzentrieren sich um einen zentralen Platz.
Die erste urkundliche Erwähnung von Ramatuelle stammt aus dem 11. Jahrhundert, doch die Herkunft des Namens ist nicht eindeutig geklärt und bleibt ein ungelöstes Rätsel der Region. Historiker sind sich uneinig über die wahre Bedeutung. Eine der älteren Theorien besagt, dass der Name vom arabischen „Rahmatu’llah“ abgeleitet sein könnte, was „Barmherzigkeit Gottes “ bedeutet. Dies wäre ein möglicher Hinweis auf die sarazenische Besetzung des Dorfes. Eine andere Hypothese führt den Namen auf die keltisch-ligurische Volksgruppe „Camatullici“ zurück, die an den Ufern des Flusses Gapeau siedelte, bevor sie von den Römern vertrieben wurde. Ihr Name könnte sich später zu „Ramatullici“ und dann zu „Ramatuelle“ entwickelt haben, doch der wahre Ursprung bleibt ein Geheimnis.
Für die religiöse Betreuung wandte man sich im 11. Jahrhundert an die Mönche der Abtei Saint-Victor de Marseille, denen 1056 Weinberge und ein Landgut übertragen wurden. In den folgenden Jahrhunderten wechselten die lokalen Herrschaften mehrfach. Familien wie die Saumade, de Castellane, de Villeneuve, de Cossa oder d’Audibert prägten die Geschiche des Dorfes bis zur Revolution.
Zerstörung und Neuanfang am Ende des 16. Jahrhunderts
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde Ramatuelle in die Wirren der französischen Religionskriege hineingezogen, als sich Anhänger der katholischen Liga im Dorf verschanzten und die Autorität des neu anerkannten und inzwischen zum Katholizismus konvertierten Königs Heinrich IV. ablehnten. Im Jahr 1592 erhielt der Gouverneur von Saint-Tropez den Befehl, die Ortschaft einzunehmen, woraufhin Ramatuelle belagert und in weiten Teilen zerstört wurde.Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts setzte ein allmählicher Wiederaufbau ein, bei dem viele Häuser neu errichtet oder grundlegend instand gesetzt wurden. Die in Stein gemeißelten Jahreszahlen an Türen sowie das auf 1620 datierte Kirchenportal zeugen noch heute von dieser Phase des Neuanfangs.
Zwischen Besatzung, Widerstand und Befreiung
Während des Zweiten Weltkriegs blieb auch Ramatuelle nicht von der Besatzung verschont. Zunächst rückten italienische Truppen ein, später übernahmen deutsche Einheiten die Kontrolle über das Dorf. Trotz der militärischen Präsenz formierte sich vor Ort eine Widerstandsgruppe, deren Mitglieder eine riskante Rolle bei geheimen Operationen spielten, als das U-Boot Casabianca wiederholt an der Küste anlegte, um Verbindungspersonen zwischen Algier und dem besetzten Mutterland ein- oder auszuschleusen. An diese Einsätze erinnern heute ein Denkmal am Ortseingang sowie eine Gedenkplatte an der Roche Escudelier.Historische Bedeutung erlangte vor allem der Strand von Pampelonne, der im August 1944 Schauplatz der alliierten Landung in der Provence wurde. Das Ufer verwandelte sich binnen kurzer Zeit in ein strategisches Operationsgebiet, um im südlichen Hinterland eine provisorische Landepiste einzurichten, die Verbindungen zu Stützpunkten auf Korsika und in Nordafrika ermöglichte. Am 15. August 1944 betrat unter dem Oberbefehl von Alexander Patch der junge Leutnant André Murphy mit seiner Einheit als einer der Ersten den französischen Boden. Dafür wurde ihm 1948 die Ehrenlegion verliehen. Mit dieser Landung nahm die Befreiung der Region ihren Anfang, und Pampelonne wurde zum Symbol des Neubeginns nach Jahren der Besatzung.
Der alte Wächter von Ramatuelle
Ulme auf dem Place de l’Ormeau wurde vermutlich während der Regierungszeit von Heinrich IV. gepflanzt, als sein Minister Sully zahlreiche Bäume in den Dörfern der Provence anpflanzen ließ. Vier Jahrhunderte lang thronte sie über dem Dorfplatz und prägte das Bild des Ortes, bis sie 1983, völlig ausgetrocknet, gefällt werden musste. An ihrer Stelle trat ein Olivenbaum, der als Symbol für die Provence, für Frieden und Beständigkeit gilt.Historische Bauwerke und verwinkelte Gassen
Ramatuelle beeindruckt durch seine mittelalterliche Architektur, die bis heute den Kern des Dorfes prägt.Die Kirche Notre-Dame erhebt sich noch heute direkt an den Resten der mittelalterlichen Dorfmauer, die einst das ganze Dorf umschloss, und erzählt von einer bewegten Geschichte zwischen Zerstörung, Wiederaufbau und Schutzfunktion. Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Gotteshaus während der Religionskriege zerstört. Ohne auf die Zustimmung von Bischof oder Prior zu warten, begannen die Dorfbewohner mit dem Wiederaufbau, der etwa um 1582 startete. Das Kirchenschiff wurde so an die alten Mauern angelehnt, dass die bestehenden Befestigungen gleichzeitig als Außenwand dienten.
Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts war das Bauwerk vollständig, und die große Eingangstür von 1620 aus grünem Serpentinit markiert bis heute den imposanten Zugang. Hinweise auf die ursprüngliche Orientierung der Kirche lassen vermuten, dass der Hauptaltar an der heutigen Eingangsseite stand. Rechts neben dem Eingang erinnert eine Gedenktafel an die Besatzungen von vier Unterseebooten, die „S M 2326“, „Sybille“, „Minerve“ und „Eurydice“, die zwischen 1946 und 1970 vor der Küste des Cap Camarat spurlos verloren gingen.
In der linken Seitenwand sind vier Arkaden eingelassen. m zweiten Bogen ist eine gesicherte Vitrine eingelassen, die drei wertvolle Krippenfiguren beherbergt: den Heiligen Joseph und die Heilige Jungfrau aus dem 16. Jahrhundert, beide als historische Denkmäler geschützt, sowie ein Jesuskind, das der Schauspieler Jean-Claude Brialy, der in Ramatuelle lebte, der Kirche als Geschenk überließ.
Der Glockenturm war Teil der vier Wachtürme, die im 14. Jahrhundert den Rundumblick über das Dorf ermöglichten und vor Angriffen aus der Ebene und vom Meer warnten.
Der „Cercle du Littoral“ ist Ramatuelles ältester Treffpunkt. Gegründet 1885, wurde er später als gemeinnütziger Verein nach dem Gesetz von 1901 registriert. Mit der Etablierung der Dritten Republik erlebte Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts einen regelrechten Boom an Vereinen, insbesondere an sogenannten „Cercle“-Organisationen, in denen ausschließlich Männer zusammenkamen, um zu lesen, zu diskutieren, sich zu vergnügen und Getränke zu deutlich günstigeren Preisen als in den üblichen Cafés zu konsumieren. Im Departement Var existierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 300 solcher Kreise.
In Ramatuelle existierten zunächst zwei konkurrierende Gruppen, die „Bourgeois“ und die „Arbeiter“ beziehungsweise „Republikaner“. Schnell erkannte man jedoch, dass ein gemeinsames Vorgehen sinnvoller war, und die beiden Vereinigungen fusionierten unter einem neutralen, geografisch inspirierten Namen: „Le Cercle du Littoral“. Jahrzehntelang befand sich das Vereinslokal in der Rue Clemenceau.
Eine der beliebtesten Veranstaltungen des Vereins ist bis heute das Fest der „Saint Dindon“ am zweiten Sonntag im Dezember. Die Tradition geht auf eine alte Legende zurück. Eine Heuschreckenplage bedrohte einst die Felder, doch die gefräßigen Truthähne halfen, die Insekten zu vertilgen und die Ernte zu retten. Seitdem wurden die gefiederten Retter bei einem Festessen geehrt. Die Männer übernehmen dabei die Zubereitung der Vögel.
Am Place Gabriel Péri, der früher das lebendige Zentrum Ramatuelles bildete, sticht eine kleine architektonische Besonderheit hervor: die 1868 errichtete „Eiffel“-Treppe am Haus Nr. 2. Sie verbindet die oberen Räume des Hauses, das aus der Aufteilung des alten Herrschaftsschlosses hervorging, mit dem Platz. Ihr Metallgerüst ist ein ungewöhnliches Baumaterial für ein kleines Dorf im Var, das damals noch überwiegend aus Stein- und Fachwerkbauten bestand.
Die „Porte Sarrasine“ ist ein mittelalterliches Tor und hat ihren ursprünglichen Charakter bewahrt. Von innen sind noch die Führungsschiene für das schwere Fallgitter zu erkennen, das einst zur Verteidigung diente, sowie die 1792 angebrachten Scharniere, mit denen die Türflügel sicher verschlossen werden konnten. Von außen ragen zwei steinerne Arme hervor, die einst eine kleine Wachtstube trugen, von der aus die Umgebung überblickt wurde.
Ein paar Schritte weiter in der Rue du Moulin Roux liegen die historischen Gefängnisräume. Sie entstanden unter Napoléon III. im damals populären arabisch inspirierten Stil. Die Bauweise gab Anlass zu einer volkstümlichen Legende. Viele hielten die Gebäude für ein altes Hammam, das angeblich von den Sarazenen errichtet worden sei.
Die Kapelle Sainte-Anne, auch Büßerkapelle genannt, ist die einzige der ursprünglich vier Kapellen Ramatuelles, die von der Zerstörung verschont blieb. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert, verfiel jedoch über lange Zeit, bevor sie in den 1960er-Jahren umfassend restauriert wurde. Bis heute wird dort jährlich am 26. Juli ein Gottesdienst zu Ehren der Heiligen Anna gefeiert, der die religiöse Tradition des Dorfes lebendig hält.
Ramatuelle als Film- und Kulturkulisse
Szenen des berühmten Filmreihe „Der Gendarme von Saint-Tropez“ wurden hier gedreht und tragen bis heute zur Bekanntheit des Dorfes bei.Der französische Schauspieler und Regisseur Jean-Claude Brialy ließ in Ramatuelle das Festival de Théâtre et Variété entstehen und lebte zeitweise in einem eigenen Anwesen im Dorf. Auch die deutsch-französische Schauspielerin Romy Schneider hatte in der Umgebung ein Anwesen mit Weinbergen. Im Ortsteil L’Oumède wurde zudem ihr Film „Der Swimmingpool“ gedreht, was der Region zusätzlichen Ruhm in der Filmwelt verschaffte.
Weinbau von der Antike bis zur Moderne
Die Weintradition in Ramatuelle reicht bis in die griechische Antike zurück, als bereits um 600 v. Chr. die ersten Reben in der Region kultiviert wurden. Später errichteten die Römer große Weinbauhöfe, und der Handel mit ihren Weinen florierte, was die wirtschaftliche Bedeutung des Anbaus unterstrich. Während der Kriegsjahre wurde ein großer Teil der Weinberge vernachlässigt oder zerstört, doch nach 1945 begann eine Phase der Erneuerung. Anfangs setzte man auf ertragreiche Rebsorten, deren Qualität jedoch nicht den Erwartungen entsprach.1946 erhielt der Weinbau der Region offiziellen Auftrieb durch die Anerkennung der Appellation „Côtes de Provence“. Dies brachte neue Investitionen in moderne Kellertechnik und Abfüllanlagen. Kleinere Winzer, die solche Mittel nicht allein aufbringen konnten, schlossen sich 1954 zu einer Genossenschaft zusammen, deren erste Ernte 1956 eingebracht wurde. Die offizielle Einweihung der Genossenschaftskellerei im April 1957, heute bekannt als „Les Vignobles de Ramatuelle“, bot kleinen Betrieben die Möglichkeit, moderne Anbau- und Produktionsmethoden umzusetzen und den Wein effizient zu vermarkten.
In den folgenden Jahrzehnten profitierte Ramatuelle zusätzlich von der Qualitätssteigerung und der offiziellen Anerkennung des AOC-Labels für die Côtes de Provence 1977.
Die kalk‑ und mineralhaltigen Böden sowie das milde Klima schaffen ideale Bedingungen für den Anbau anspruchsvoller Rebsorten.















