Die Abtei von Moncel – 700 Jahre Geschichte zwischen Religion und Stille am Fluss Oise

Im idyllischen Departement Oise, eingebettet zwischen dem dichten Wald von Halatte und dem ruhigen Fluss Oise, liegt die königliche Abtei von Moncel, eine der faszinierendsten historischen Stätten Frankreichs. Gegründet 1309 von Philippe IV., erlebte das Kloster der Klarissen Glanzzeiten, Brände, Kriege und Revolutionen. Im Mittelalter diente es nicht nur als religiöses Zentrum, sondern war auch ein Ort von politischer Bedeutung und aristokratischem Einfluss.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Abtei mehrfach zerstört und wiederaufgebaut. Während der Religionskriege und der Französischen Revolution erlebte sie dramatische Einschnitte, im 19. Jahrhundert lagerten hier Weinhändler, im 20. Jahrhundert diente sie als Militärlazarett, Seminar und Schule. Heute wird sie vom Club du Vieux Manoir gepflegt und zieht mit ihrer Kulisse Regisseure an.




Die Gründung der Abtei – Ein königliches Projekt

Im Jahr 1296 erlangte Philipp IV. der Schöne (1268-1314) durch den Tod von Philippe de Beaumanoir, dem Gerichtsvollzieher von Senlis, der erhebliche Schulden beim Fiskus hatte, das Manoir deFécamp in Pontpoint.
Durch den Einfluss seines Beichtvaters, eines Franziskaners, wurde der König dazu bewegt, ein Kloster statt eines Hospizes für arme Menschen zu gründen. Der Orden der Klarissen, die weibliche Zweigstelle der Franziskaner, erschien als die ideale Wahl.

Die Gründung des Klosters könnte auch ein politischer Schachzug gewesen sein, besonders im Kontext der Spannungen zwischen dem Papst und Philipp IV. Die katholische Kirche missbilligte die Politik des Königs, insbesondere hinsichtlich der Verhaftung und Verfolgung der Tempelritter. Gleichzeitig war der neue Papst Clemens V. ein Unterstützer der Franziskaner, was Philipp ebenfalls bekannt war.

Die Bauarbeiten begannen im Jahr 1309, nur zwei Jahre nachdem Philipp IV. die Tempelritter gefangen nehmen und hinrichten ließ. Nach dem Tod des Königs im November 1314 kam es zu einer Verzögerung der Bauarbeiten, die möglicherweise ganz gestoppt wurden. Unter der Herrschaft seiner Söhne wurde das Projekt nicht wieder aufgenommen. Erst auf das Drängen des Beichtvaters der Königin Johanna von Burgund, einem Franziskaner, ordnete Philipp VI. von Valois 1328 die Fortsetzung der Bauarbeiten an. Er zeigte großes Interesse an der Abtei und bestätigte offiziell die Gründung.

Bereits 1335 waren die Bauarbeiten weit fortgeschritten, und die ersten zwölf Klarissen zogen aus verschiedenen Klöstern, darunter Longchamp, Saint-Marcel und Provins in die fast fertige Abtei ein. Am 27. März 1336 fand die Einweihung feierlich statt und wurde von Kardinal Guy de Boulogne geleitet. Die Abtei wurde dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht. Die Gottesdienste wurden von vier franziskanischen Kaplänen abgehalten, die in einem eigenen Haus auf dem Gelände wohnten. Noch im selben Jahr wurde der Bau abgeschlossen, und die Kirche wurde 1337 erneut in Anwesenheit des Königs und der Königin geweiht.

Die Zahl der Klarissen wuchs schnell auf die in der Gründungsurkunde festgelegten sechzig Schwestern. Fast alle von ihnen stammten aus wohlhabenden aristokratischen Familien und mussten eine Mitgift mitbringen, um in den Orden aufgenommen zu werden. Doch diese Beiträge reichten nicht aus, um die täglichen Kosten der Abtei zu decken. Daher sicherte der König großzügige Einkünfte und schenkte der Abtei unter anderem die „Ferme du Moncel“. Auch Königin Johanna von Burgund trug durch zahlreiche Geschenke zur finanziellen Absicherung der Abtei bei. In ihrem Testament verfügte sie, dass ihr Herz in der Abteikirche beigesetzt werden sollte, was viele weitere adlige Frauen dazu anregte, ihr zu folgen und so zusätzliche Mittel für die Abtei zu generieren.



Wohlstand und Schicksalsschläge

Doch der Glanz der frühen Jahre währte nicht lange und der Englische Krieg brachte mit der Schlacht bei Crécy im Jahr 1346 erste schwere Verluste. Die englischen Truppen plünderten die umliegenden Regionen, und die Klarissen begannen, die Verwundeten in einem nahegelegenen Gebäude zu pflegen.

Ein noch größerer Schicksalsschlag ereilte die Region 1348, als die Pest Europa heimsuchte. Königin Jeanne von Burgund nahm eine zentrale Rolle in der Pflege der Kranken ein, was sie letztlich selbst das Leben kostete. Ihre Krankheit und ihr Tod im Jahr 1349 war ein weiterer schwerer Verlust für die Region und das Kloster, das sie unterstützt hatte.

1356 wurde der französische König Johann II. der Gute (1313-1364) von den Engländern gefangen genommen, was zu einer hohen Lösegeldforderung führte. Auch wenn die Abtei nicht verpflichtet war, zur Zahlung beizutragen, fühlte sie sich aufgrund ihrer Nähe zum Königshaus moralisch verpflichtet, ihren Anteil zu leisten. Aus diesem Grund wurden wertvolle Schätze, darunter Edelsteine und Gold, verkauft, um zum Lösegeld beizusteuern. Diese finanzielle Belastung traf das Kloster besonders hart.

Noch schwieriger wurde es in den Jahren 1358, als die Große Jacquerie, ein Volksaufstand, die Gebäude der Abtei zerstörte. Der benötigte Geldbetrag für Reparaturen war jedoch nicht zu beschaffen, und die Abtei fand sich erneut in einer schwierigen Lage wieder.

Im Jahr 1525 brach ein schwerer Brand im Dach der Abteikirche aus und breitete sich auf Teile der Klostergebäude sowie den Kreuzgang aus. Dank finanzieller Unterstützung durch den König konnten die Schäden jedoch schnell behoben werden.

Während der letzten Religionskriege gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Leben in der Abtei stark erschüttert und das ehemalige Herrenhaus von Fécamp wurde verwüstet. Der Versuch Heinrichs III., die Abtei durch königliche Hoheitszeichen zu schützen, erwies sich als kontraproduktiv, sodass Moncel ins Visier der katholischen Liga geriet. 1591 suchten die Nonnen zeitweise Zuflucht in Compiègne.
Die Äbtissin Philippine de Pellevé organisierte die Instandsetzung der beschädigten Gebäude und ließ auch neue Gebäudeteile errichten, darunter das Haus der Äbtissin. Nach einem weiteren Brand wurde zumindest ein Teil des Kreuzgangs wieder aufgebaut, allerdings nur die nördliche Galerie. Die übrigen drei Seiten gingen dauerhaft verloren.

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Mit dem Regierungsantritt Ludwigs XIV. änderte sich das Verhältnis zwischen Krone und Abtei grundlegend. Die königliche Unterstützung ließ nach, und der Monarch griff zunehmend in die Angelegenheiten des Klosters ein. Unter Ludwig XV. und Ludwig XVI. endete die königliche Unterstützung vollständig. Die Abtei war nun gezwungen, sich selbst zu finanzieren. Bereits im 17. Jahrhundert reagierte sie darauf mit der Einrichtung eines Pensionats für junge Mädchen, das im 18. Jahrhundert einen festen Bestandteil des klösterlichen Lebens bildete.

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Das Ende der königlichen Abtei von Moncel

Während der Französischen Revolution erlebte die Abtei eine dramatische Wendung. Im Jahr 1792 wurde sie als Nationalgut verkauft, und ein Architekt übernahm das Gelände. Die ursprüngliche Kirche wurde abgerissen, und die Steine wurden zum Verkauf angeboten. Anfang des 19. Jahrhunderts nutzten Weinhändler die Räumlichkeiten. Die drei großen Gewölbekeller erwiesen sich als ideal für die Lagerung von Wein, und die Nähe zum Fluss Oise erleichterte den Transport der Fässer in die Region und darüber hinaus.

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1920 wurde das Ensemble offiziell als Monument historique anerkannt.
Während des Ersten Weltkriegs diente die verlassene Abtei als Militärlazarett und 1923 kaufte Eugène-Stanislas Le Senne, Bischof von Beauvais, das Anwesen, um dort das Priesterseminar von Noyon einzurichten.

Mit Beginn der deutschen Besetzung 1940 konfiszierte die Wehrmacht die Abtei und nutzte sie als Lager für Kriegsgefangene, bevor sie deportiert wurden. Nach dem Krieg diente die Abtei wieder als Internat und Schule bis 1982.
Der Club du Vieux Manoir übernahm 1984 das Anwesen im Rahmen eines langfristigen Pachtvertrags. Mit Unterstützung der Caisse nationale des Monuments historiques begannen umfassende Restaurierungen. Die rund 12.000 m² großen Dachflächen wurden instand gesetzt, wobei die historischen Holzstrukturen erhalten blieben. Einige Bauteile, darunter drei Kreuzganggalerien und die Abteikirche, wurden jedoch nicht wiederaufgebaut.

Der Speisesaal ist der größte Raum im Erdgeschoss und erstreckt sich über die gesamte Nordseite der Abtei. Besonders bemerkenswert sind die wiederentdeckten Wandfresken, die Szenen aus dem Leben der Heiligen und heraldische Motive zeigen und nach ihrer Restaurierung zu den Hauptattraktionen der Abtei gehören.

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Der Ostflügel der Abtei beherbergte im Erdgeschoss ursprünglich die Sakristei, das Archiv (Chartrier) und den Kapitelsaal. Das Archiv, möglicherweise auch zur Aufbewahrung des Abteischatzes genutzt, ist der einzige gewölbte Raum der Abtei neben dem Untergeschoss und der Kirche.

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Die Schlafsäle der Abtei befanden sich im Obergeschoss der Nord- und Ostflügel. Vorhänge trennten die Bereiche der einzelnen Nonnen. Heute sind die beiden riesigen Räume leer und werden für Empfänge und Hochzeiten vermietet. Vor einem Besuch sollte man sich informieren, ob eine Besichtigung möglich ist! Die Abtei ist von Anfang April bis Ende Oktober geöffnet.

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Heute dient ein Teil der Gebäude als archäologisches Museum und regelmäßig finden Konzerte, Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt. Besonders der Fachwerksaal ist ein Highlight. Er wird regelmäßig mit Werken zeitgenössischer Künstler geschmückt und hat sich zu einem kulturellen Zentrum entwickelt, das die Verbindung zwischen Geschichte und Kunst lebendig hält.




Für die Ausbildung ihrer freiwilligen Helfer unterhält der Club eine Bibliothek und eine Werkstatt für Glasmalerei.


Ein Hollywood-Set und kulturelles Erbe

Die Abtei von Moncel hat nicht nur aufgrund ihrer Geschichte, sondern auch wegen ihrer besonderen Architektur und ihrer mystischen Atmosphäre internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Mehr als 60 Filme und Serien wurden hier gedreht, darunter der berühmte Film „Un long dimanche de fiançailles“ ("Mathilde – Eine große Liebe") mit Audrey Tautou. Die malerische Kulisse der Abtei, die in vielen Szenen als dramatischer Hintergrund dient, hat den Ort zu einem beliebten Drehort für Regisseure aus aller Welt gemacht.

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Die Abtei ist von einem 6ha großen Park umgeben.


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Nützliche Informationen

Adresse:
Königliche Abtei von Moncel
5 rue du Moncel, 60700 Pontpoint

Anreise:
TER Paris Gare du Nord Richtung Saint-Quentin
, Station Pont-Sainte-Maxence, dann 20 Minuten zu Fuß durch die Stadt.
Autobahn A1, Ausfahrt Senlis, Richtung Fleurines, dann Pont-Sainte-Maxence und Abbaye du Moncel

Tarife:
Normaltarif 7€, 
Studenten unter 26 Jahren 5€, Kinder unter 18 Jahren 3€, Kinder unter 6 Jahren gratis.

Internetseite:

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