Chapelle Saint-Michel d'Aiguilhe – Wo der Erzengel über den Vulkan wacht

 Nördlich von Le Puy-en-Velay befindet sich in der Gemeinde Aiguilhe eine der ungewöhnlichsten romanischen Kirchen der Auvergne. Die Chapelle Saint-Michel steht auf dem 82 Meter hohen Rocher d’Aiguilhe, einem vulkanischen Felsen, der vor mehr als zwei Millionen Jahren entstand und vom historischen Zentrum der Stadt Le Puy-en-Velay aus leicht zu Fuß erreichbar ist.


Der Aufstieg zur Kapelle führt über 268 Stufen und endet auf einer kleinen Felsplattform, auf der sich ein Bauwerk mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte befindet. Die erste Kapelle wurde 961 auf Veranlassung des Dekans Truannus errichtet und von Bischof Godescalc geweiht, der wenige Jahre zuvor zu den frühesten namentlich bekannten Pilgern aus dem französischen Raum nach Santiago de Compostela gehört hatte. Im Laufe des Mittelalters wurde das ursprüngliche Heiligtum mehrfach erweitert und an die begrenzten Platzverhältnisse auf dem Felsen angepasst.

Heute sind in der Chapelle Saint-Michel verschiedene Epochen der Bau- und Kunstgeschichte miteinander verbunden.

Seit 1840 steht die Kirche unter Denkmalschutz und gehört damit zu den ältesten geschützten Monumenten Frankreichs.



Der Rocher d’Aiguilhe und seine Entstehung

Die Landschaft rund um Le Puy-en-Velay ist stark durch ihren vulkanischen Ursprung geprägt und gehört zum Velay, einer Region, in der vor mehreren Millionen Jahren zahlreiche vulkanische Aktivitäten stattfanden. Das Becken von Le Puy-en-Velay war damals von einem See bedeckt, in dem es zu Eruptionen kam, bei denen Magma mit Wasser in Kontakt geriet und vulkanische Ablagerungen entstanden.

Im Laufe von Millionen Jahren wurden die weicheren Gesteinsschichten durch Erosion abgetragen, während das wesentlich widerstandsfähigere Material des ehemaligen Vulkanschlots erhalten blieb. Auf diese Weise entstand der heutige Rocher d’Aiguilhe, der rund 82 Meter über seine Umgebung aufragt und geologisch als vulkanischer Neck (Schlot) bezeichnet wird.

Die besondere Form des Felsens war auch für die Namensgebung von Bedeutung, denn Aiguilhe geht auf das französische Wort „aiguille“ zurück, das „Nadel“ bedeutet und sich auf die schmale, aufragende Form des Felsens bezieht.

Heute ist diese vulkanische Vergangenheit ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte des Ortes und wird auch im Besucherbereich des Rocher Saint-Michel erklärt.

   


Die erste Kapelle

Die Geschichte des christlichen Heiligtums beginnt im 10. Jahrhundert, als der Kanoniker Truannus, Dekan des Kapitels von Le Puy, auf dem Gipfel des Felsens eine Kapelle errichten ließ, nachdem ihm Bischof Godescalc (um 900–961) die entsprechende Genehmigung erteilt hatte.

Im Jahr 961 wurde auf dem Rocher d’Aiguilhe die dem Erzengel Michael geweihte Kapelle fertiggestellt und von Bischof Godescalc geweiht, wobei es sich zunächst um ein vergleichsweise kleines vorromanisches Oratorium mit quadratischem Grundriss handelte. Es besaß eine Kuppel und drei kleine, überwölbte Apsiden, die zusammen mit dem Hauptraum eine kreuzförmige Anlage bildeten. Die Gestaltung wird mit römischen beziehungsweise karolingischen Bautraditionen in Verbindung gebracht und erinnert unter anderem an das karolingische Oratorium von Germigny-des-Prés. Die südliche Apsis wurde später zerstört, als die Kirche im 12. Jahrhundert erweitert wurde.

Die Wahl des Erzengels Michael war im Mittelalter keineswegs ungewöhnlich, denn ihm wurden zahlreiche Schutzfunktionen zugeschrieben und seine Heiligtümer befanden sich häufig an erhöhten oder besonders markanten Orten. Auch in Le Puy wurde ihm ein Standort gegeben, der sich deutlich von den Kirchen in der Stadt unterschied.


Bereits der Gründungstext aus dem 10. Jahrhundert erwähnt die schwierige Erreichbarkeit des Felsens aufgrund seiner steilen Seiten. Für den Zugang wurde bereits zu dieser Zeit eine Treppe angelegt. Mit dem Aufstieg entwickelte sich auch die religiöse Bedeutung des Ortes. Die Kapelle gehörte von ihrer Gründung an zum Kapitel der Kathedrale von Le Puy, das für ihre materielle Ausstattung, die Einnahmen und den liturgischen Dienst verantwortlich war.

Neben der überlieferten Gründungsgeschichte um den Kanoniker Truannus gibt es eine weitere Erzählung, die den Bau der Kapelle mit einer Pestepidemie in Verbindung bringt, die Le Puy-en-Velay im 10. Jahrhundert getroffen haben soll. Ein Kanoniker der Kathedrale soll damals den heiligen Michael um Hilfe gebeten und für den Fall, dass die Seuche enden würde, den Bau eines Heiligtums auf dem Rocher d’Aiguilhe versprochen haben. Als die Pest schließlich nachließ, sei dieses Gelübde laut der Überlieferung im Jahr 969 eingelöst worden.

Das Kapitel blieb bis zur Französischen Revolution zugleich Herr über Aiguilhe, sodass der Rocher nicht nur ein religiöser Ort, sondern Bestandteil der politischen und gesellschaftlichen Ordnung des mittelalterlichen Le Puy war.



Vom Oratorium zur Pilgerkirche

Mit der zunehmenden Bedeutung des Heiligtums wurde das ursprüngliche Oratorium zu klein. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstand deshalb eine wesentlich größere Pilgerkirche, deren Grundriss und Ausrichtung unmittelbar von der vorhandenen Felsplattform bestimmt wurden und sich deutlich von den großen romanischen Kirchen der Region unterscheidet. Die mittelalterlichen Baumeister konnten die Kirche nicht auf einer ebenen Fläche nach einem vorgegebenen Schema errichten, sondern mussten den vorhandenen Platz möglichst sinnvoll nutzen. Das erklärt auch die ungewöhnliche Gestaltung des Innenraums.

Zur Anlage gehören unter anderem ein Langhaus, Seitenkapellen, ein Narthex und ein Glockenturm, dessen Aufbau sich an der Kathedrale Notre-Dame von Le Puy-en-Velay orientiert.

Die Kapelle besitzt keinen eigentlichen Chorumgang. An das ursprüngliche Oratorium wurde vielmehr eine Raumfolge mit einer Galerie und gewölbten Bereichen angefügt, die von monolithischen Säulen getragen werden. Über einige Stufen erreicht man zunächst den Bereich unterhalb der Empore und anschließend den erhöhten Eingangsbereich. Von dort führt der Weg durch zwei Joche auf den Vorplatz mit der berühmten, südöstlich ausgerichteten Fassade.


Während das ursprüngliche Oratorium noch regulär ausgerichtet war, ist die spätere Kapelle in nordwestlich-südöstlicher Richtung verschoben, um sich der Form der Felsplattform anzupassen.

Die Fassade des Portals gehört zu den auffälligsten Elementen der Chapelle Saint-Michel und zählt zu den wichtigen Beispielen der romanischen Architektur des Velay. Die Verwendung unterschiedlich gefärbter Steine ist für die romanische Architektur der Auvergne charakteristisch und findet sich beispielsweise auch an der Kathedrale von Le Puy sowie an der Abteikirche Saint-Austremoine in Issoire und der Basilika Notre-Dame-du-Port in Clermont-Ferrand. Die polychromen Steinmosaiken des Portals waren ursprünglich Teil eines umfassenden farbigen Ausstattungskonzepts, denn auch die Skulpturen und die Innenräume waren farbig gefasst.


Über dem Türsturz folgt ein Tympanon beziehungsweise der darüberliegende Bogenbereich mit Rankenornamenten und figürlichen Motiven. Oberhalb des Portals befindet sich eine Reihe von Arkaden, unter denen der heilige Johannes, die Jungfrau Maria, Christus, der Erzengel Michael und der heilige Petrus dargestellt sind.

Die Kapelle gehört damit zu den bemerkenswerten romanischen Sakralbauten der Region, wobei ihre Bedeutung nicht allein in der Architektur liegt, sondern vor allem in der Verbindung von Bauwerk und Standort.




Mittelalterliche Wandmalereien

Die Wandmalereien der Chapelle Saint-Michel entstanden in mehreren Kampagnen, die von Kunsthistorikern in drei Phasen unterteilt werden. Eine erste romanische Ausstattung aus dem 10. und 11. Jahrhundert befindet sich im Chor und im ursprünglichen Oratorium. Eine zweite romanische Ausmalung entstand im Bereich der Vorhalle und des erhöhten Eingangsbereichs, während der dritte Freskenzyklus im 12. Jahrhundert in der später erweiterten Kirche ausgeführt wurde. Hinzu kommt die Gestaltung der Galerie aus gotischer Zeit.

Im Chor sind unter anderem die Evangelistensymbole, der Erzengel Michael und die Darstellung der himmlischen Jerusalem erhalten. Diese Motive werden mit der Vorstellung des Jüngsten Gerichts in Verbindung gebracht. In den angrenzenden Bereichen der Vorhalle und des erhöhten Kirchenraums finden sich dagegen geometrische Ornamente, Darstellungen von Vögeln sowie eine Szene der Marienverehrung.

Der Freskenzyklus im Langhaus zeigt Szenen aus der Geschichte der Heiligen Drei Könige, darunter die Darstellung ihrer Reise beziehungsweise ihrer Ankunft.




Prosper Mérimée und die Wiederentdeckung der Fresken

Im 19. Jahrhundert begann eine neue Phase in der Geschichte von Saint-Michel d’Aiguilhe. Die Kapelle war nach der Französischen Revolution aufgegeben worden, da sie keine Pfarrkirche war, und ihr Erhalt war damit keineswegs selbstverständlich.

Prosper Mérimée (1803–1870), französischer Schriftsteller und seit 1834 Generalinspektor der historischen Denkmäler Frankreichs, interessierte sich besonders für die mittelalterlichen Wandmalereien. Die Fresken waren zu diesem Zeitpunkt teilweise von einem farbigen Anstrich verdeckt, der 1823 aufgetragen worden war. Mérimée machte die Wandmalereien ab 1838 zu einem wichtigen Beispiel für die Notwendigkeit, mittelalterliche Malereien zu restaurieren und zu erhalten.

Der Diözesanarchitekt Aymon Mallay wurde mit der Untersuchung und Planung notwendiger Reparaturen beauftragt und war auch an der Erhöhung des Glockenturms beteiligt.

Anatole Dauvergne (1812–1870) fertigte während dieser Zeit Zeichnungen, Aquarelle und genaue Aufnahmen der erhaltenen Malereien an. Diese Dokumentationen sind heute von besonderem Wert, weil einige der damals noch vorhandenen Fresken inzwischen verloren gegangen sind und Dauvergnes Zeichnungen deshalb die einzige erhaltene Erinnerung an bestimmte Bildbereiche darstellen.

1840 wurde die Kirche schließlich als Monument historique geschützt und gehörte damit zur ersten französischen Liste historischer Denkmäler.
Weitere Restaurierungsarbeiten an den Wandmalereien fanden 2003 und 2004 statt.


Der Reliquienschatz von 1955

Zu den interessantesten Ereignissen der jüngeren Geschichte der Kapelle gehört die Entdeckung eines Reliquienschatzes im Jahr 1955, die während von Restaurierungsarbeiten am Hauptaltar erfolgte.

Unter dem Altar wurde eine ältere romanische Altarplatte entdeckt, unter der sich eine Öffnung im Felsen befand. Darin waren verschiedene Gegenstände verborgen, unter anderem ein polychromer Christus aus Olivenholz, ein Brustkreuz, ein Elfenbeinkästchen und verschiedene Textilien. Die Gegenstände waren offenbar bereits bei der Weihe des mittelalterlichen Altars dort deponiert worden und blieben anschließend über viele Jahrhunderte verborgen.

Die Fundstücke werden heute in einer Vitrine an einem Pfeiler im Chor präsentiert und gehören zu den besonders interessanten Details der Kapelle, da sie einen direkten Einblick in die Ausstattung eines mittelalterlichen Heiligtums ermöglichen.

   


Legenden und Vermutungen

Um den Rocher d’Aiguilhe rankt sich außerdem die Geschichte vom „Saut de la pucelle“, dem Sprung der Jungfrau. Sie erzählt von einer jungen Frau, die des unsittlichen Verhaltens beschuldigt wurde und ihre Unschuld beweisen sollte, indem sie sich vom Felsen stürzte.

Sie soll den Sturz überlebt haben, woraufhin ihre Unschuld als bewiesen galt, doch die Geschichte endet tragisch, denn bei einem weiteren Sprung kam sie ums Leben.

Immer wieder wurde außerdem die Frage gestellt, ob der Felsen bereits vor der Errichtung der christlichen Kapelle eine religiöse Bedeutung besaß. In älteren Darstellungen wird gelegentlich ein antiker Merkurtempel erwähnt, der sich an dieser Stelle befunden haben soll, doch archäologische Untersuchungen konnten bislang keinen entsprechenden Nachweis erbringen.

Entlang des Aufstiegs befanden sich drei Oratorien, von denen zwei den Erzengeln Gabriel und Raphael gewidmet waren, während das dritte dem heiligen Guinefort galt. Bei Guinefort handelt es sich um eine ungewöhnliche Gestalt der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit, denn der verehrte „Heilige“ war der Überlieferung nach ein Windhund, dem eine Schutzfunktion für Kinder zugeschrieben wurde.



Saint-Michel und der Jakobsweg

Die Geschichte von Saint-Michel d’Aiguilhe ist eng mit der Pilgertradition von Le Puy-en-Velay verbunden, auch wenn die Kapelle nicht das wichtigste Wallfahrtsziel der Stadt war. Dieses blieb die Kathedrale Notre-Dame, zu der die Pilger kamen, bevor sie über die Via Podiensis ihren Weg über das Zentralmassiv in Richtung Pyrenäen und nach Santiago de Compostela fortsetzten.

Godescalc, der damalige Bischof von Le Puy, nimmt in dieser Geschichte eine besondere Stellung ein, da seine Pilgerreise nach Santiago zu den frühesten dokumentierten französischen Pilgerreisen gehört. Im Jahr 950 brach er auf und kehrte im Januar 951 nach Le Puy zurück. Seine Reise steht somit in einem Zusammenhang mit der Entwicklung der späteren Pilgerroute nach Santiago.

Am Fuß des Felsens befindet sich die Chapelle Saint-Clair, eine ebenfalls romanische Kapelle aus dem 12. Jahrhundert mit einem ungewöhnlichen achteckigen Grundriss. Sie gehörte zum ehemaligen Hôpital Saint-Clair, das Bernard, der Hüter des Heiligtums, im Jahr 1088 zur Versorgung der Pilger von Saint-Michel gründete.



Der Besuch heute

Heute gehört der Rocher d’Aiguilhe zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Le Puy-en-Velay und lässt sich problemlos mit einem Rundgang durch die historische Altstadt verbinden.

Im Jahr 2014 wurde die Kirche bei der französischen Fernsehwahl „Monument préféré des Français“ auf den vierten Platz gewählt. Seit Mai 2017 gehört Saint-Michel außerdem zu den Monumenten, die im Rahmen des nächtlichen Beleuchtungsprogramms „Puy de Lumières“ in Szene gesetzt werden.

Am Fuß des Felsens befindet sich ein Besucherbereich mit einer Ausstellung, die sich sowohl mit der vulkanischen Entstehung des Rocher als auch mit der Geschichte der Kapelle beschäftigt. Modelle, digitale Elemente und weitere Informationen erläutern die Entwicklung des Ortes, während eine virtuelle Besichtigung auch einen Zugang zum Inneren der Kapelle ermöglicht, wenn der Aufstieg für Besucher nicht möglich ist.

Der Aufstieg selbst führt über 268 Stufen und mehrere Abschnitte nach oben bis zur Kapelle.

Vom oberen Bereich des Felsens bietet sich außerdem ein guter Blick auf Le Puy-en-Velay, insbesondere auf die Kathedrale Notre-Dame und die Statue Notre-Dame de France auf dem Rocher Corneille, sowie die Festung in Polignac und „Saint-Joseph-de-Bon-Espoir“ in Espaly-Saint-Marcel.

   

   



Nützliche Informationen

Adresse
Chapelle Saint-Michel
Rue du Rocher, 43000 Aiguilhe

Tarife
Normaltarif 7€, ermäßigt 5€ (Kinder zwischen 5 und 15 Jahren, sowie Studierende unter 25 Jahren und Arbeitssuchende)

Internetseite
https://rochersaintmichel.fr

Kommentar veröffentlichen

Neuere Ältere

Kontaktformular